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Vortrag · Kultur, nicht Natur! Eine Revision der Archetypentheorie C. G. Jungs
Referent: Prof. Dr. habil. Christian Roesler
Es herrscht Verwirrung hinsichtlich der Definition des Begriffs »Archetyp«, wobei sich bis heute höchst problematische und widersprüchliche Konzeptualisierungen halten.
Als Lösung für dieses Problem argumentiert der Referent, dass Jungs Konzeptualisierung der Archetypen-Theorie keine einheitliche Theorie darstellt, sondern vier verschiedene Theorien umfasst, die klar voneinander getrennt werden müssen: Es gibt eine Theorie über biologisch / genetisch vererbte mentale Fähigkeiten; eine anthropologische Theorie über menschliche Universalien, z.B. in der Mythologie, in religiösen Vorstellungen, sozialen Praktiken usw.; es gibt eine transzendentale Theorie, die sich auf philosophische Traditionen (z.B. Kant, Platon) stützt und versucht, Archetypen in einer transpersonalen Sphäre zu verorten; schließlich gibt es eine Theorie über einen universellen Prozess psychologischer Transformation, der sowohl im Leben als auch in der Psychotherapie stattfindet, und diese Idee ist für Jungs psychotherapeutischen Ansatz von großer Bedeutung.
Der letzte Teil könnte auch als Kerntheorie der Analytischen Psychologie bezeichnet werden, und ein großer Teil von Jungs Werken befasst sich mit dem Versuch, diesen Prozess zu kartografieren, daher seine Studien zur Alchemie, Religion, Mythologie usw.
Vor dem Hintergrund des aktuellen Stands der Biologie, der Humangenetik und der Evolutionspsychologie sowie der Anthropologie und Paläoanthropologie lässt sich argumentieren, dass die meisten von Jungs Behauptungen über die Universalität bestimmter menschlicher Muster, religiöser Ideen usw. nicht gestützt werden können.
Eine gründliche Untersuchung zeigt zudem, dass rassistische Ideen im Sinne des kolonialen Denkens – die Vorstellung, dass die Mentalität der sogenannten Primitiven derjenigen der sogenannten zivilisierten Nationen unterlegen sei – tief in Jungs Denken verwoben sind.
Auf der Grundlage dieser detaillierten Analysen wird vorgeschlagen, die in der klassischen Archetypen-Theorie enthaltenen biologischen und anthropologischen Argumentationen aufzugeben, da sich nachweisen lässt, dass sie weitgehend widerlegt sind oder zumindest nicht durch Belege aus den relevanten Disziplinen gestützt werden.
Als Lösung plädiert der Autor dafür, dass die Analytische Psychologie ihr Archetypenkonzept auf den letzten der oben genannten Teile der Theorie reduzieren sollte, nämlich die Vorstellung eines universellen Prozesses psychologischer Transformationen, der eine Orientierungshilfe für die Psychotherapie bietet. Hier bedarf es weiterer Forschung zur tatsächlichen Gestalt und den Inhalten dieses Transformationsprozesses.
Es werden einige empirische Befunde vorgestellt, die dieses Modell stützen.
Prof. Dr. habil. Christian Roesler, Freiburg, ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker (C. G.Jung-Institut Zürich) sowie Professor für Klinische Psychologie und Arbeit mit Familien an der Katholischen Hochschule Freiburg.
Vorträge, V-10
Kostenbeitrag: 12,00 €
Anmeldung erforderlich. Der Online-Vortrag wird über Zoom durchgeführt. Die Zugangsdaten erhalten Sie rechtzeitig vor der Veranstaltung per E-Mail.
3 UStd. · Akkreditierung für Fortbildungspunkte beantragt
Anmeldung Vortrag V-10: Kultur, nicht Natur! Eine Revision der Archetypentheorie C. G. Jungs
Kostenbeitrag: 12,00 €
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