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Wasser - Von Quellen, Flußgöttern, Turbinen und letzten Tropfen

Thomas Schwind - Vortrag bei der C. G. Jung-Sommerakademie 2020 Kloster Vinnenberg
Wasser - Von Quellen, Flußgöttern, Turbinen und letzten Tropfen

Vorworte:
Melville: Moby Dick: „ Sagen wir, ihr seid auf dem Lande, hoch oben zwischen Hügeln und Seen. Nehmt beinah jeden beliebigen Weg, und zehn zu eins, daß er euch in ein Tal hinabgeleitet und dort absetzt, wo sich der Bach zum Weiher weitet. Da ist Magie im Spiel. Laßt den zerstreutesten Menschen in tiefste Träumereien verfallen - stellt diesen Menschen auf seine Füße, setzt ihn in Gang, und er wird euch unfehlbar ans Wasser fuhren, sofern es in der ganzen Gegend überhaupt Wasser gibt. Solltet ihr in der großen amerikanischen Wüste jemals Durst leiden, so versucht es mit diesem Experiment, falls eure Karawane zufällig mit einem Professor der Metaphysik dienen kann. Ja, das weiß jeder: Auf ewig vereint sind Wasser und Tiefsinn.“

Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft: 

„Dorthin – will ich, und ich traue

Mir fortan und meinem Griff.

Offen liegt das Meer, ins Blaue

Treibt mein Genueser Schiff.“

„[E]ndlich dürfen unsere Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis

des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab

es niemals ein so, offnes Meer‘.“

Karl Jaspers: Der an der Nordsee aufgewachsene Denker schrieb 1967 in seinem Selbstportrait:

„Das Meer ist die anschauliche Gegenwart des Unendlichen. Unendlich die Wellen. Immer ist alles in Bewegung, nirgends das Feste und Ganze in der doch fühlbaren unendlichen Ordnung.....Das Philosophieren wird ergriffen von der Forderung, es aushalten zu können, daß nirgendsfester Boden ist, aber dadurch der Grund der Dinge spricht. Das Meer stellt diese Forderung. Dort ist keinerlei Fesselung. Das ist das unheimlich Einzige des Meeres.“

A. Camus: „Und wenn der Mensch Brot und Gerechtigkeit braucht und wir das nötigste tun, um diese Not zu befriedigen, er braucht auch pure Schönheit, weil es das Brot seines Herzens ist.“

Pure Schönheit: das ist das klare fließende Wasser eines Baches, das in der Betrachtung Bilder wecken kann, die tief in grundlegende seelische Erfahrungen greifen. Immer gleich und klar umfließt es die Steine und wandelt sich doch immerzu. Es weckt in diesem Fließen eine Ahnung vom Ewigen, immer Wiederkehrenden, nicht Endendem. In diesem Fließen findet sich aber auch der Augenblick, das Zerrinnen der Zeit von Moment zu Moment.

In fast allen Kulturen ist in den Schöpfungsmythen Wasser bei der Entstehung der Welt und des Lebens darin ursächlich beteiligt. Wasser wird als tragende Ursubstanz aller Existenz gesehen, aus der alles Leben einmal entstanden ist. Thales von Milet vertrat 600 vor Christus die Auffassung, daß alle lebendigen Dinge aus Wasser entstanden seien.

Tatsächlich gibt es ohne Wasser kein Leben. Alle Lebewesen kommen aus dem Wasser, sowohl ontogenetisch, als auch phylogenetisch. Unsre anfängliche Gestalt ist im Fruchtwasser der Gebärmutter entstanden. Es ist der Stoff, aus dem auch in den alten Mythen das Leben entspringt.

Als ich anfing, diesen Vortrag zu gestalten, ging es mir erst mal wie dem Zauberlehrling: eine ausufernde Überschwemmung mit unzähligen Ideen, Gedanken, Mythen, Geschichten, Theorien kam über mich, und ich suchte nach einer Möglichkeit, dieses überbordende Thema zu ordnen.

Immer neue Güsse bringt er schnell herein, Ach! und hundert Flüsse stürzen auf mich ein....Naß und nässer wirds im Saal und auf den Stufen. Welch entsetzliches Gewässer! Herr und Meister! hör mich rufen.... Es hörte mich keiner, so mußte ich selbst etwas finden, womit diese Wassermassen in ein Gefäß gebracht werden konnten. Ich habe die einfachste Möglichkeit gewählt und ordne mein Herangehensweise nach den Erscheinungsformen des Wassers: Meer, Fluß, Quelle, Brunnen. Es gäbe natürlich noch viel Mehr, gefrorenes Wasser, Eis und Schnee, Regen und Wolken, Trinkwasser, Brauchwasser, Industrie-gewässer, Aquavit, totes Meer usw. Aber ich habe ja nur 1 Stunde Zeit. 

Also denn: Am Anfang war das Wasser.

Genesis 1 : Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. 2 Die Erde war noch öde Wüste, und Finsternis lag auf der Urtiefe,und Gottes Sturm bewegte sich über der Wasseroberfläche.

In einer Übersetzung Paul Baries, der Bezug auf die jüdische Exegese seit dem 12. Jahrhundert nimmt heißt es: „Zu Anbeginn, da Gott Himmel und Erde schuf - die Erde war damals noch Tohuwabohu, und Finsternis lag auf der Tehom, der Urflut und ein Gottesturm bewegte sich über dem Wasser da sprach Gott: Es werde Licht...Tag eins.“

Nach der Schöpfungsgeschichte gilt das Wasser nicht als geschaffen, es liegt der Schöpfung vielmehr in Gestalt der Urflut, der Ursuppe, als Prima Materia voraus. Die uns überkommenen biblischen Schöpfungs-texte sind noch von der Herkunft der Schöpfungstheologie aus dem Mythos geprägt. In der sumerischen Kosmogonie , ca. aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, gibt es eine göttliche Trinität , An, der Himmelsgott, Enlil, der Gott der Luft und Enki, der Herr der Erde, die von Nammu, dem Urmeer, oder der Urmeergöttin geboren worden sind. Die Urmutter brachte durch Parthogenese Himmel und Erde hervor (M.Eliade). Das kosmische Urmeer wird als göttliche Mutter imaginiert, die als das große weibliche Wässrige noch ungeschieden ist und das erste Paar, An und Enki , und damit die Dualität und Polarität hervorbringt. Einen ähnlichen Mythos finden wir in Babylon, wo aus dem Hieros Gamos von dem männlichen Apsu, dem Süsswasser und der weiblichen Tiamat, dem Meer, die weiteren Götter, u.a. Marduk, entstehen.

Mythologisch betrachtet können wir zwei Grundtypen der Schöpfungs-geschichte unterscheiden:

1. Schöpfung als ein biologischer Vorgang durch Zeugung, Geburt und Parthogenese

2. Schöpfung als Tat, als göttliche Initiative, als Schöpfungsakt.

Aber bei beiden mythischen Ordnungen ist das Wasser das erste, sei es als erste Schöpfung, sei es als prima materia. Die Erde muß aus dem Wasser herausentwickelt werden. Weltschöpfung ist eine Ausdifferenzierung eines zuvor homogenen, wäßrigen Potentials.

Wasser- Ursprung des Lebens

Wie ist es zu verstehen, daß die die Mythenschöpfer - wer immer das auch war - die moderne und gegenwärtige grundlegende Theorie über die Entstehung des Lebens schon „wußten“ ? Gut, die mythen-bildenden Frühmenschen sahen, daß bei der Geburt von Tier und Mensch eine Fruchtblase zerspringt und Wasser austritt, auch das könnte ja eine Grundlage für die Wassermythen sein. Auch sind viele Wassermythen natürlich aufs Engste verbunden mit dem Mutterarchetyp: Thetys, in den Tiefen des Meeres lebende Urgöttin, ist bei Hesiod in seiner Theogonie die Urmutter aller Götter. Tatsächlich aber scheint es so gewesen zu sein, so zumindest die neueste biochemische Evolutionstheorie: Vor 3,5 bis 3,8 Milliarden Jahren entstand das Leben aus der Ursuppe, wie die Biologen den Urozean, der vor 4 Milliarden Jahren die ganze Erde bedeckte, auch nennen.

Ein kurzer Ausflug in die Biologie und Biochemie: Wassermoleküle sind eine chemische Verbindung von einem Sauerstoffatom und zwei Wasserstoffatomen, die in einem bestimmten Winkel zueinander stehen. Dadurch weist das Wassermolekül eine Polarität auf: negative Teilladung der Sauerstoffseite und positive Teilladung auf der Wasserstoffseite, es entsteht ein sog. Dipol. Dadurch wird Wasser zu einem polaren Medium, in dem ausgeprägte zwischenmolekulare Anziehungskräfte hervorgebracht werden, sodaß sich viele Stoffe in diesem Medium lösen können. Wasser ist daher ein Katalysator , um Lebensprozesse zu ermöglichen und zu beschleunigen.Laut der neuesten Theorie des Entstehens von Zellen erfolgte die Zellenbildung tief auf dem Boden des Urozeans an hydrothermalen Quellen auf dem Grund der Tiefsee. In dieser Tiefe, geschützt durch enorme Wassermassen und Wassersäulen vor den zerstörerischen Naturgewalten, in Gestalt von Stürmen, Meteoriten, Kometen und enormer Hitze auf der Erde, entstand an den Wänden heißer Schlote im tiefen Urmeer das Leben. Ohne jetzt im Detail darauf eingehen zu können, entwickelten sich hier die Bedingungen für die Zellbildung. Über die Entstehung von Aminosäuren, Nukleinsäureketten bis hin zur Entwicklung der RNS und schließlich der DNS entstehen die Urzellen des Lebens. Das Leben kommt aus dem Wasser, kommt aus dem Meer. Aber erst vor 350 Millionen Jahren begannen einige Meerestiere an Land zu wandern. Mit anderen Worten: 9/10 des Lebens fanden bisher im Meer statt. Also beschäftigen wir uns doch zunächst einmal noch etwas mit dem Meer.

Meer

Das Meer - das große Wasser. Tief. Weit. Fern. Unermeßlich. Unbegrenzt. Tosend bewegt, stürmische See und unendliche Meerestille der formlosen Glätte des stillen Wassers.

Halten Sie sich das Bild „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich vor Augen.

Friedrich selbst meinte dazu: „Da hier einmal von Beschreibungen die Rede ist, so will ich Ihnen eins meiner Beschreibungen mitheilen, über eins meiner Bilder so ich nicht läng[s]t [unlängst] Vollendet habe; oder eigentlich, meine Gedanken, über ein Bild; den[n] Beschreibung kann es wohl nicht genannt werden. Es ist nemlich ein Seestük, Vorne ein öder sandiger Strand, dann, das bewegte Meer, und so die Luft. Am Strande geht Tiefsinnig ein Mann, im schwarzen Gewande; Möfen fliegen ängstlich schreiet um ihn her, als wollten sie Ihm warnen, sich nicht auf ungestümmen Meer zu wagen. – Dies war die Beschreibung, nun kommen die Gedanken: Und sännest Du auch vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zur sinkenden Mitternacht; dennoch würdest du nicht ersinnen, nicht ergründen, das unerforschliche Jenseits! Mit übermüthigen Dünkel, wennest [wähnst] du der Nachwelt ein Licht zu werden, zu enträzlen der Zukunft Dunkelheit! Was heilige Ahndung nur ist, nur im Glauben gesehen und erkannt; endlich klahr zu wissen und zu Verstehn! Tief zwar sind deine Fußstapfen am öden sandigen Strandte; doch ein leiser Wind weht darüber hin, und deine Spuhr wird nicht mehr gesehen: Thörigter Mensch voll eitlem Dünkel!“

Das Meer - zugleich bewegt und bewegend, tragend und verschlingend, Ruhe und rätselhafte Spannung, krachende Wellen am Felsenriff, plätscherndes Säuseln am sanften Kiesstrand. Die Weite des Meeres ist horizontal, die Tiefe des Meeres ist vertikal - und als Tiefenpsychologe tauche ich natürlich mit Freude und Angst in diese Tiefe - im Sinne von Nietzsches Zarathustra: “Und dies heißt mir Erkenntnis: alles Tiefe soll hinauf - zu meiner Höhe“ (gemeint ist natürlich die Bewußtseinshöhe! Was Tiefe ist, erfahren wir in der Natur entweder hoch oben auf dem Ausblick vom Berggipfel oder tauchend in die Tiefen des Wassers - oder träumend in der Tiefe unseres Unbewußten. Zarathustra singt dieses Lied des Unbewußten und der tiefen, tiefen Mitternacht:

„O Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

‚Ich schlief, ich schlief-,

Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-

Die Welt ist tief,

Und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh-,

Lust - tiefer noch als Herzeleid:

Weh spricht: Vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

- will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Am und im Meer erfahren wir, was Tiefe ist und übertragen diese Tiefenvorstellung auf viele andere Bereiche. Wir sprechen von einem tiefen See, und genauso von einem tiefen Schmerz, einer tiefen Freundschaft usw. Damit ist die Intensität eines Gefühls , eines Gedankens, eines Bildes, einer Erfahrung angesprochen, die in das Innere hineinführt: das tiefe Wasser, das tiefe Leid, die tiefe Nacht, die tiefen Blicke. Mit dieser Tiefe ist meist auch die Vorstellung verbunden, daß in der Tiefe Dunkelheit herrscht. In dem tiefen Brunnen, im tiefen Ozean, in der Tiefe des Unbewußten ist kein Licht, nichts zu sehen, zu schauen und zu erkennen. Deshalb nennen wir die analytische Psychologie Tiefenpsychologie und nicht Höhenpsychologie.

Mit dem mythischen Meer ist zuweilen ein kosmogonischer Taucher verbunden, so z.B. in einem alten Sanskrit-Text: der kosmogonische Taucher ist hier ein Eber, der in die Tiefen des Urmeeres hinabtaucht und die Erde mit herauf bringt. Der Schöpfergott Prajapati, der sich als Sturmwind über dem Wasser bewegt ( das kennen wir ja schon: siehe auch Genesis 1), sieht in der Tiefe des Wassers die Erde durchschimmern, er verwandelt sich in einen ähnlichen Sanskrittext entdeckte Prajapati ein Lotusblatt auf dem Urwasser und schloß daraus, daß die Pflanze ja irgendwo in de Tiefe verankert sein müsse und holte als Eber die Erde aus dem Wasser.

Fluß - Der Fluß als Metapher für den Individuationsprozeß.

Panta rhei – „Alles fließt“ , das ist eins der Urworte des abendländischen Denkens und der geistigen Kultur Europas. Es stammt von Heraklit, dem bedeutendsten vorsokratischem Philosophen, von dem allerdings keine Schriften überliefert sind. Das panta rhei wird bei Platon zitiert und erfährt dort auch einige andere Formulierungen, in denen sich die Auffassungen Heraklits zu unserem Thema hier: dem Werden und dem Vergehen des Menschen, des Subjektes, des Einzelnen im Individuationsprozeß veranschaulichen:

„Wer in denselben Fluß steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.“ Das heißt : wir sind immer und beständig damit konfrontiert, daß uns Neues zufließt, so sehr wir uns auch einen Stillstand manchmal wünschen mögen. Für mich als Analytiker ist dieser Gedanke natürlich von größter Bedeutung. Denn wenn anscheinend und an der Oberfläche des Bewußtseins nichts mehr zu fließen scheint, Stillstand, Depression, Bewegungslosigkeit eingetreten zu sein scheint, so läßt mich diese Variante des panta rhei doch immer darauf vertrauen, daß es dann unterirdisch, also im Unbewußten weiterhin und weiter fließt.

„Wir steigen in denselben Fluß und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“Dieser Gedanke des Heraklit scheint mir doch Beunruhigendes mit sich zu tragen: wir sind es und wir sind es nicht. Wird damit nicht unser Wunsch nach Stabilität und Identität, nach Wiedererkennbarkeit und Gleichbleibendem befragt, während der Strom der Zeit, das beständige, nie aufhörende Fließen des Zeitflusses uns deutlich sagt, daß Stabilität eben eine Funktion der Bewegung ist. 

Die Metapher des Flusses basiert auf der archetypischen Bedeutsamkeit dieses Bildes. Wir können den Fluß ontologisch, terminologisch und phänomenologisch betrachten und erkennen

dann, daß der Fluß als Objekt in spezifischer Weise gekennzeichnet ist: Seine Identität als bestimmbares Objekt verdankt er seinem festen Flußbett und den notwendig vorhandenen beidseitigen Ufern, die das strömende Wasser begrenzen. Dieses Wasser ist in ständiger Bewegung. Wir begegnen hier Heraklit als einem der ersten Denker, der sich mit den Paradoxien unseres Lebens auseinandergesetzt hat: er beschreibt den Fluß als „Selbigkeit als Beständigkeit einerseits, Herbeikommen von anderem und immer anderem andererseits.“ Das ständige Werden des Flusses erzeugt zugleich seine Konstanz.

Die Flußmetapher hat viele kluge Geister bewegt und angeregt, auf die hier einzugehen den Rahmen völlig sprengen würde – das hieße , mein Redefluß würde ganz aus dem Ruder, aus dem Flußbett treten und Sie mit unzähligen Geschichten aus der Mythologie, der Religionen, der Literatur, der Poesie überschwemmen. Man könnte von so vielen Flüssen und ihren Geschichten, Legenden und Mythen erzählen, vom Nil, vom Ganges, vom Amazonas, vom Rhein, von der Memel, aber auch von den 4 Flüssen im Paradies, die übrigens zu Anfang nur ein Flußwaren, vom Styx, dem Fluß, über den wir von Charon ins Totenreich gefahren werden, und vom Fluß des Vergessens, von Lethe, oder vom Jordan als dem Fluß der Taufe und der Wiedergeburt. Es wäre zu erzählen von den Ursprüngen der Flüsse, den Quellen. Der Anfang des Lebens und der Anfang der Flüsse, ihre Quellen und vielen kleinen Bäche, die zum Fluß und Strom zusammenfinden, sind schon immer ein Bild für den Beginn und Verlauf des Lebens, auch und besonders des Seelenlebens gewesen. Die inneren Seelenbilder verweisen auf keinen zuvor zurückgelegten Weg des Herkommens, jedes Erwachen kann wie das Erwachen eines großen Stromes in seiner Quelle sein: Ich wache morgens auf und erinnere einen Traum, dessen Bilder mir fremd und unbekannt sind und von denen ich nicht weiß, woher Sie herkommen und die dennoch mein Leben ändern können. Ein unendlicher Strom von Bildern fließt in jedem von uns, schöpferisch und gefährlich zugleich, denn der Strom birgt alle Zeit die Gefahr, daß dieser Strom über die Ufer treten und uns überschwemmen könnte. Unser Bewußtsein, insbesondere unser Ich-Bewußtsein soll ein beständiges Bollwerk gegen diese drohenden Überschwemmungen sein. Unser Bewußtsein, unser Vermögen zu erkennen, wahrzunehmen, fühlend zu bewerten und bedeutungsvoll zu erahnen, also unser Vermögen, ein Subjekt zu sein, dient in erster Linie dazu, auf diesen gefahrvollen Fahrten auf dem Fluß des Lebens nicht unter-zugehen. Und doch , wie leicht geschieht es , daß es den Schiffer im kleinen Schiffe ergreift mit wildem Weh, daß er nicht schaut die Felsenriffe, er schaut nur hinauf in die Höh zum Bilde seiner Sehnsucht und wird mit samt seinem Kahn von den Wellen verschlungen. Dieser Loreley-Mythos ist eine sehr dramatische, aber oft zutreffende Erzählung von den Gefahren in unserer Individuation. Der Schiffer, unser Ich soll unser Lebensschiff sicher durch die Gefahren des Flusses steuern. Dazu bedarf es der Wachheit, der Reflektion, der Symbolisierung, ohne die wir Gefahr laufen, den Trugbildern unserer Wünsche zu erliegen und zu ertrinken. Der Schiffer soll den Fluß zu beiden Seiten der Ufer hin im Auge behalten, soll hindurchfahren zwischen dem linken Ufer, das unsere Traumwelt des Unbewußten ist und dem festen rechten Ufer unseres Wissens, Erkennens und Wollens, er soll die Mitte auf dem Fluß halten, er soll wachsam sein für die unter der Oberfläche liegenden Strömungen. Er soll erahnen, wo ein gefährlicher Strudel auftauchen könnte, soll all seine Sinne und seine Fähigkeiten, einen sinnvollen Weg durch die Strömung zu finden, gebrauchen, er soll das Steuer fest in der Hand halten und Schiffbruch vermeiden. Aaron Antonovsky, der Begründer der Salutogenese, benutzt die Flußmetapher, um sein Konzept der Balance im Individuationsprozeß zu verdeutlichen. Antonovskys philosophische Annahme ist, daß „der Fluß der Strom des Lebens ist“ und die Menschen in diesem Fluß voller Gefahren mit seinen Strömungen, Stromschnellen, Strudeln und Windungen schwimmen. In einer nun pathogenetisch ausgerichteten Medizin würde ein Arzt oder Therapeut versuchen, wie ein Rettungsschwimmer den Patienten als den Ertrinkenden aus dem Strom zu retten. Dagegen will der salutogenetisch orientierte Therapeut dem Menschen helfen, besser zu schwimmen oder ein besserer, sprich aufmerksamerer, nachdenklicherer, mit seinem Lebensschiff und den Wellen des Flusses mitschwingender Schiffer zu werden.

Schiffbrüche geschehen dennoch.

Dabei sind Schiffbrüche, Brüche auf dem eigenen Weg der Individuation insofern besondere Herausforderung, weil wir ja - auf unserem Lebensfluß unterwegs - unsere Individuation ja nicht einfach anhalten können wie einen Film; es gibt da keine Stoptaste, sondern das Leben fließt ja einfach weiter, egal , was mit uns auf dem Lebensfluß auch immer geschehen mag. (Die Rede von der Auszeit ist deshalb ungenau, denn die Zeit fließt weiter, sie läßt sich nicht ausstellen). Wir sind also vielmehr wie Schiffer, die ihr Schiff auf offener See oder treibend im Fluß umbauen müssen, wenn es einen Schiffbruch gegeben hat. Wir können nicht einfach in einen Hafen oder in ein Dock einfahren und aus besten Bestandteilen ein neues Schiff bauen. Wir schleppen eben unsere Vergangenheit, das heißt auch: unsere Wrackteile immer mit uns. Nehmen wir als Beispiel für einen Fluß den Rhein. Der Rhein entspringt in den Alpen, aus mehreren kleineren Flüssen, so dem Vorderrhein und dem Hinterrhein, fließt er bei Reichenau zusammen und trägt ab dort seinen Namen. Wie jeder Fluß fließt auch der Rhein abwärts. Von oben, vom Gebirge nach unten, zu seinem Delta und schließlich ergießt er sich ins Meer. Man kann es wohl eine ganze Gestalt nennen: vom Ursprung, von der Quelle durch die Schluchten des Gebirges, die er sich gräbt – denken Sie nur an die Via Mala in Graubünden, durch den Bodensee und die Mittelgebirge ins flache Land, der Niederrhein, bis zur Mündung in der Nordsee.

Das Meer ist also so das Schicksal der Flüsse. In der Dichtung wird das Meer als die Erfüllung der Ströme gesehen. Und man spricht davon, das sich Berge ihm in den Weg stellen, ihn aufzuhalten scheinen, doch der Fluß gräbt sich in Schluchten durch diese Berge, die sich vor ihm auftürmen, zwingt sich hindurch, manchmal in tosenden Wasserfällen. Von Nietzsches Zarathustra hören wir: “Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames stürzen! Wie sollte ein Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden. Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischerer, selbstgenügsamer; aber mein Strom der Liebe reißt ihn mit sich hinab – zum Meere.“ 

Der Fluß, auch der Lebensfluß, oder tiefenpsychologisch gesprochen, unsere Libido, unsere Lebensenergie, ist voller Dynamik, drängt und treibt, weshalb Freud sie einen Trieb genannt hat, drängt weiter, fließt und strömt, reißt sich selbst mit fort zur Mündung. Das Delta und das Meer sind das Bild für den Tod des Flusses, für das Aufgehen des Individuationsprozesses im unterschiedslosen Gewässer des Meeres. Davon sprechen wir ja dann auch, wenn wir die spirituelle Dimension des Individuationsprozesses im Auge haben: aus meiner kleinen individuellen Existenz, meinem persönlichen Flußlauf zwischen den mir manchmal zu eng beieinander stehenden Ufern mich auf die Weite des Ozeans, auf ein Größeres hin beziehen: „Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens.“ sagt C. G. Jung.

Ich fand phänomenologisch auch interessant, daß es viele Flüsse gibt, die , bevor sie im Meer sterben, ein Delta bilden – also sich wieder in viele kleinere Flüsse verzweigen , so wie sie am Anfang aus vielen Verzweigungen und kleineren Flüssen entstanden sind. Ist das eine Gemeinsamkeit von Anfang und Ende? Verlieren wir uns am Ende in die Verzweigtheit und Verwirrung der Demenz, so wie wir uns zu Beginn noch nicht als Einheit, als kohärentes Subjekt haben?

Quelle

Wenn wir das Bild „Quelle“ ikonographisch betrachten, dann geht es unter dem ikonischen Gesichtspunkt zunächst mal darum, daß eine Quelle an einem bestimmten Ort geographisch und geologisch und landschaftlich zu finden wäre. Quellen treten hervor an Berghängen, aus Felspalten, aus feuchtem Moos, in tiefen Wäldern, oder aus den Tiefen eines Sees. Schon bei dieser phänomenologischen Betrachtung gerät aber unsere Einbildungskraft sofort in Aktion – wir sehen vor allem das Hervorkommen, das Hervorquellen, das Entspringen einer Quelle. Das Wasser der Quelle entspringt dabei der Erdentiefe. Dieses Entspringen der Quelle aus der Dunkelheit der Erde ist wie das Entspringen der inneren Bilder aus dem Dunkel des Unbewußten, ohne daß wir in der Regel irgendeine Ahnung davon hätten, woher dieses Quellwasser und diese Bilder aus der dunklen Tiefe kommen. Wir wissen nur, daß es sich dort unten sammelt, bis es eine bestimmte Dynamik entwickelt, um hervorzuquellen.

Das entspringende Quellwasser ist ein zentrales Bild für das, was wir Ur-Sprung nennen, ein uranfänglicher Anfang, ein erster Sprung des Seins, der Beginn des Lebensflusses aus einer Quelle des Anfangs, aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit an der Oberfläche der Erde, oder wenn Sie mir so denn folgen wollen: auf der Oberfläche des Bewußtseins erscheinen aus ungewußtem Urgrund die inneren Seelenbilder, die auf keinen zuvor zurückgelegten Weg des Herkommens verweisen: Ich wache morgens auf und erinnere einen Traum, dessen Bilder mir fremd und unbekannt sind und von denen ich nicht weiß , woher Sie herkommen. Ich betone diese Unsichtbarkeit und Dunkelheit der Herkunft unserer inneren Bilder, weil ich das Wunder der Geburt der Seele in jedem bedeutenden psychischen Akt betonen möchte. Um diesen sich ständig wiederholenden Anfang des Seelenlebens gibt es ein Geheimnis, ein Rätsel, wie es auch um jede Quelle ein Rätsel gibt. Die Philosophin und Phänomenologin Ute Guzzoni beschreibt dieses Rätsel der Herkunft, das lösbar und unlösbar zugleich sei. “Unlösbar, weil es keinen Sinn macht, in seinen Ursprung ‚selbst‘ zurückzugehen, es gewissermaßen dahin zurückzuverfolgen; ein solches Zurück gibt es nicht, das im Erdboden vorhandene Wasser, auch das Grundwasser, ist noch keine Quelle. Vor der Quelle ist keine Quelle, so wie es kein Anfangen vor dem Anfang gibt. Gleichwohl löst sich das Rätsel zugleich selbst auf: die Quelle quillt. Sie sagt sich selbst aus, indem es sie gibt, indem sie sich er-gibt“ (Guzzoni, Wasser, S. 87). So wie die Quelle quillt, so bilden sich die Bilder in uns. Es macht eben keinen Sinn, ein Traumbild von einem Mord etwa auf eine Krimisendung am Abend zuvor zurückzuführen, oder aber auch ein solches Traumbild etwa auf den destruktiven Elementarcharakter des Mutter oder Vaterarchetyps zurückzuführen.

In der Aktiven Imagination ist das die erste Grundübung und Grundhaltung überhaupt: das Bild , das hervorkommt, das aus meinem Unbewußten hervorquillt, entspringt, als das sich hier und jetzt ergebende Bild annehmen und gelten lassen, dieses Bild schmecken, so wie ich das Quellwasser schmecke. Das Wasser der Quelle sprudelt hervor und es sprudelt auf uns zu, die Bilder der Seele sprudeln aus den Quellen unseres Unbewußten auf uns, auf unser Ich zu und in dem ich dieses Wasser, diese Bilder in meiner Hand schöpfe, werde ich zum Schöpfer meines Seelenlebens.

Das Sichtbarwerden der Seele in Bildern ist eine unaufhörliche Bewegung des Ankommens und Hervorkommens, so wie das Wasser einer Quelle an der Oberfläche in einem ständigen Ankommen, Hervorkommen, Entspringen sichtbar wird, augenscheinlich wird, auch sichtbar wird in dem Sinne, was es da zu sichten und zu schmecken gibt.

Brunnen

Das Wasser schmecken! Das tun wir besonders, wenn wir aus einem Brunnen Wasser trinken. Und obwohl wir schon recht viel Wasser aus Brunnen über die sog. Uferfiltration des Wassers von Flüssen bekommen, ist mit dem Trinken aus einem Brunnen eine besondere Aura verbunden. Real ist der Brunnen für das Nomadenleben in der Wüste überlebenswichtig und stiftet ein ordnendes Zentrum des Nomadenlebens. Mythologisch gilt der Brunnen oft als Ursprung des Lebens und als angrenzender Ort des Jenseitsbereichs.

In dem Film „Iwans Kindheit“ von Andrej Tarkowski gibt es eine ergreifende Szene, in der Iwan, ein vierzehnjähriger Junge, miterlebt, wie seine Mutter von deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg erschossen wird, er voller Verzweiflung zum Brunnen rennt, tief hineinschaut und von unten, vom Wasserspiegel tief im Brunnen lächelt ihm das Gesicht seiner Mutter entgegen. Der Brunnen als Totenreich, als Spiegel, aber auch als immer lebensspendendes Symbol des Mütterlichen.

Metaphorisch ist der Brunnen oft der „Brunnen der Vergangenheit“, als Spiegel der Geschichte. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ sind die ersten beiden Sätze des Josefsromans von Thomas Mann. In Thomas Manns Roman „Josef und seine Brüder“ spielt der Brunnen entsprechend der biblischen Ursprungsgeschichte eine besondere Rolle. Symbolisch ist der Brunnen Quell des Lebens, aber auch Symbol und Allegorie für das , was wir Nachtmeerfahrt nennen - besonders natürlich in dieser Geschichte des Josefs, wie sie Thomas Mann erzählt. Der Sturz in den Brunnen, in die Unterwelt, in den Abgrund, zu den verborgenen dunklen Quellgründen, ins jenseitige Reich, in dem das Mysterium des Todes berührt wird, -der Sturz in den Brunnen, in dem Josef drei Tage und drei Nächte ausharren muß, aber als Gewandelter wieder daraus hervorkommt, ist ein grundlegendes Bild für diesen immer wiederkehrenden Wandlungsprozeß. In einem Vortrag über seinen Roman sagt Thomas Mann, daß das „Mythische das Typische, Immer-Menschliche, Immer-Wiederkehrende, Zeitlose“ sei. Die Brunnentiefe, sagt Thomas Mann, ist der Ort, wo „der Mythus zu Hause ist und die Urnormen, Urformen des Lebens gründet“. Der Wasserkreislauf, in dem der Brunnen eine so wichtige Zwischenstation der immerwährenden Verwandlung des Wassers darstellt, insofern der Brunnen die Sozietät und das Fortbestehen des Lebens stiftet, indem der Brunnen das Fließen des Wasser für einem Moment aufhält, damit es geschöpft werden kann, dieser Wasserkreislauf ist das Bild, das die Natur liefert , um den Kreislauf des Mythischen darzustellen. Die Darstellung des Zeitlosen und des Immer-Wiederkehrenden bietet sich in der Form des Brunnens besonders an: Aus einem nicht versiegenden Brunnen läßt sich immerzu Wasser schöpfen, Trinkwasser fördern, Felder bewässern. So wie der Brunnen nicht versiegt, versiegt auch die mythische Erzählung nicht: Hans Blumenberg, der Münsteraner Philosoph, dessen 100. Geburtstag wir gerade erinnern, meinte, daß der narrative Kern eines Mythos bestehen bleibt, aber aus dem Bilderreichtum des Mythos könne man immer wieder Neues schöpfen, wodurch das Mythische immer wieder auf die Gegenwart bezogen werden könne und anwendbar bliebe.

Ich sprach oben von den Flußufern, die den Individuationsprozeß begrenzen oder auch weiten. Beim Brunnensymbol könnten wir vielleicht davon sprechen, daß der ummauerte und gegrabene Brunnen identitätsstiftend ist, weil er einen festen Ort bildet, weil er das strömende Wasser begrenzt , aufhält , für eine Weile bewahrt und so der ewigen Verwandlungsbereitschaft des Wasser einen Halt , ein Innehalten gibt, so wie im Strom unseres Seelenlebens unsere zeitweilige Identität uns ein Gefühl des Bewahrens und Sicherns unseres So-Seins geben kann.

Von Turbinen und letzte Tropfen

Ich kann ja hier nun nicht nur Schöngeistiges, schwebend über den Wassern zum Besten geben. Im Titel meines Vortrages steht ja auch noch was von Turbinen und letzten Tropfen. Ich muß dazu sagen, daß ich den Titel intuitiv vor einem halben Jahr benannte, ohne noch einen einzigen Gedanken verfaßt zu haben. Intuitiv habe ich natürlich bei dem Thema sofort auch an die ökologische Krise, den Klimawandel, die Klimakatastrophe gedacht. Da geht es dann um die Frage der Fußabdruck des Menschen im Wasser und was dieser Fußabdruck bewirkt.

Ich will das an drei Beispielen kurz verdeutlichen:

1. Chinesisches Wasserkraftwerke am Oberlauf des Mekong

Am Oberlauf des Mekong, im chinesischen und laotischen Hoheitsgebiet haben die Chinesen viele Wasserkraftwerke und Staudämme gebaut. Eigentlich könnte man meinen, Wasserkraftwerke sind eine ökologisch sinnvolle Form der Energiegewinnung, aber wenn man es in solchen Ausmaßen betreibt , wird es natürlich problematisch. Denn die Stauung des Mekong führt dazu, daß der Mekong bis zum Ende seines Weges, im Delta, das in Vietnam liegt und die Reiskammer Vietnam ist, immer weniger Süßwasser führt und das Meer und damit das salzige Wasser in das Delta eindringt und so den Reisanbau immer mehr einschränkt. Dieser Vorgang ist an allen Delten großer Flüsse, vom Mississippi in Louisiana bis zum Nil in Ägypten zu beobachten.

2. Nestle füllt in den Vogesen jährlich hunderte Millionen Flaschen Mineralwasser ab, Vittel Bonne Source, kennen Sie wahrscheinlich alle, was aber dazu führt, daß für die Bewohner kaum noch Wasser übrig bleibt. Der Grundwasserspiegel ist so abgesunken, daß Nestle unterirdisch jetzt weitere Gemeinden in den Vogesen anzapft und den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgräbt.

3. Der wandernde Aal ist ein Fisch in Mitteleuropa , dessen Bestand in den letzten 40 Jahren um 98 Prozent zurück gegangen ist. Nicht mehr lange und er ist ausgestorben. Dabei ist der Aal nicht nur schmackhaft, sondern ein faszinierendes Wassertier: Das geschlechtsreife Weibchen zieht den Rhein, oder die Elbe oder Weser hinunter zur Nordsee, es hat vorher sich ordentlich Fett angefressen, bis zu 30 % des Aals bestehen aus Fett. Dies braucht der Aal, denn er begibt sich jetzt auf einen ein- bis anderthalbjährige Reise entgegen dem Golfstrom bis in die Saragossasee vor den Bahamas. In dieser Zeit frißt der Aal nicht mehr -anderthalb Jahre lang. Dann und dort laicht der Aal und verstirbt. Die Eier klammern sich an Braunalgen in der dortigen See, verwandeln sich dann in kleine durchsichtige Larven und trieben mit dem Golfstrom jetzt in die umgekehrte Richtung. 3 Jahre lang treiben diese Larven mit dem Ozeanstrom bis etwa 100 km vor der Küste die Larven eine erneute Metamorphose durchmachen und zu 7 cm langen sog. Glasaalen werden, um dann in Gemeinschaft mit anderen als Steigaale im Frühjahr die Flüsse bergan weiter zu schwimmen. Auf das dann dieser unglaubliche Wandlungsvorgang wieder von Neuem beginnt - so denn nicht die Flüsse verseucht sind, was leider der Fall ist. Die Aale nehmen in ihr Fettgewebe bevorzugt giftige Stoffe auf, die dazu führen, daß ihre Schwimmblase verkümmert, die für die lange Wanderung durch den Atlantik entscheidend wichtig ist.

Drei Beispiele, die zeigen, daß die Beeinträchtigung des Wassers, der Wasserqualität, der Flußläufe, des Meeres usw , mithin des gesamten Hydrosystem auf unserer Erde durch uns Menschen und durch unsere menschengemachte Verletzung des Gleichgewichts der Natur, daß diese Beeinträchtigung Ausmaße angenommen hat, die sich letztlich gegen uns Menschen selbst richten wird. Dabei müssen wir klar sehen: die Menge an Wasser bleibt immer gleich, aber die Verteilung und die Qualität des Wassers verändert sich, insbesondere wandelt sich Süßwasser immer mehr in Salzwasser. Wir werden die Erde nicht als Ganzes austrocknen können, außer Wissenschaftler kämen auf die Idee, wie das schon mal in den 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts diskutiert wurde, die Umlaufbahn der Erde und Rotation der Erde durch Atomsprengköpfe aus ihrem jetzigen Gleichgewicht zu bringen in eine angebliche verbesserte Lage der Erde zur Sonne hin zu katapultieren.

Wir werden die Erde nicht zerstören können, aber wir können sie für uns Menschen und für viele Lebewesen unbewohnbar machen. Es wird also keinen letzten Tropfen geben, aber es wird eine letzten Menschen geben können, der in der Wüste das erlösende, belebende, erquickende Wasser sucht, die Oase, deren Quelle den Granatapfelbaum in der Mitte des paradiesischen Gartens wässert, von dem der Mensch die so schwierige Erkenntnis seiner selbst genommen hat. Der Mönch am Meer - das ist ein so ungeheuer modernes Bild , weil es den modernen Menschen zeigt in der Ausgeliefertsein seiner Seinsfrage, seiner Möglichkeit, gesellschaftlich, politisch, geistig, spirituell zu verzweifeln oder zu hoffen.

Schlusswort:

„Die kosmische Oase, auf der der Mensch lebt, dieses Wunder von Ausnahme, der blaue Eigenplanet inmitten der enttäuschenden Himmelswüste, ist nicht mehr ‚auch ein Stern‘, sondern der einzige, der diesen Namen zu verdienen scheint.“ (Hans Blumenberg)

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