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Matthias Gabriel: Garten und Wildnis, Kultur und Natur

Matthias Gabriel - Vortrag bei der C. G. Jung-Sommerakademie 2019 Kloster Vinnenberg: 
Garten und Wildnis, Kultur und Natur

Was ein Garten ist, das weiß natürlich jeder. Besonders wenn er sich in Vinnenberg die ganze Woche durch innere oder wie ich durch äußere Gärten hindurchgearbeitet hat. Schwieriger wird es, zu erklären, zu sagen, was heißt das eigentlich, ein Garten. Ich will es einmal so versuchen:

Ein Garten ist ein Stück Natur. Ein Stück Natur, das zu dem Zweck abgegrenzt wurde, die Kultur von Pflanzen und Tieren zu betreiben. 

Diese, wie ich zugebe, selbst wieder definitionswürdige Definition führt uns insofern weiter, als wir sie am Ur-Garten Eden erproben können. Dieser war eindeutig begrenzt, durch einen Wall von bewaffneten Engeln - in moderner Gartensprache, von einem lebenden Zaun.

 

Dieses Stück Natur war gemäß der Überlieferung eindeutig zu einem Zweck angelegt worden. 

Seine Botanik umfasste die Gattungen Lebensbaum und Erkenntnisbaum, beide mit strengem Artenschutz – nicht einmal die Früchte durften gepflückt werden -und dem Feigenbaum, dessen Blätter bei Bedarf als Lendenschurz verwendet werden durften. Tiere gab es auch, in der Bibel wird ausdrücklich aber nur die Spezies Schlange erwähnt. Mit diesen biblischen Beschreibungen haben wir dann alle Kriterien versammelt, die einen guten, echten Garten definieren.

In diesem Garten Eden lebten Adam und Eva als indigene Menschen, als Sammler und Jäger, als sogenannte Wildbeuter - in Abhängigkeit von der Freigebigkeit des Großen Gärtners. Alles änderte sich bekanntermaßen, als die ersten Menschen auf die Idee gebracht wurden, natürlich vorkommende  chemische Substanzen zur Verbesserung der Gehirnfunktion einzunehmen. Es handelte sich dabei rückblickend wohl um neurotrop wirksame Stoffe, die in den paradiesischen Äpfeln des Erkenntnisbaums enthalten waren. Eine solche Prozedur bezeichnet man heute als Neuro-Enhancement oder Gehirn-Doping und in der Tat verbesserte sich in der Folge die kognitive Leistungsfähigkeit der ersten Menschen derartig, daß sie dem Urzustand der Abhängigkeit von der Natur entkommen konnten. Damit setzten sie etwas in Gang, was man die neolithische oder die landwirtschaftliche Revolution in der Jungsteinzeit nennt. Es war die Erfindung – des eigenen Gartens.

 

Was war der Kern, das eigentliche Wesen dieser neolithischen Revolution. Die Menschen hatten sich Millionen Jahre von der Natur ernährt, indem sie verwerteten, was sie dort fanden. Sie hatten niemals selbst darüber entschieden, welche Pflanzen und welche Bäume wo wachsen sollten, wo und wie sich Tiere ernähren und vermehren sollten. Nach dem Sammeln und Jagen, begannen sie jetzt zu produzieren, d.h. ihre Nahrungsmittel selbst herzustellen. Sie konzentrierten sich auf die Kultur von einigen ganz wenigen Tier- und Pflanzenarten. Damit begannen sie den Ablauf der natürlichen Ordnung für ihre Zwecke umzuleiten. Die ersten Gartenkulturen entstanden.

Zu Beginn der landwirtschaftlichen Revolution waren diese abgegrenzten Bereiche, welche nach den Regeln und Interessen der Menschen angelegt waren, noch kleine Oasen in einer unermesslich scheinenden Natur. Es wird angenommen, dass die urgeschichtlichen Anbauflächen bis zur Einführung des Pfluges sehr klein waren. Sie wurden intensiv mit Hacken oder ähnlichen Geräten bearbeitet. Was das heißt, weiß jeder, der im Workshop „Gartenarbeit“ diese Woche dabei ist. Ob mit oder ohne Rückenschmerzen, diese Anbauform, die heute immer noch z.B. in Japan in großem Maßstab zu finden ist, wird heute als Garten-Kultur oder Garten-Landwirtschaft bezeichnet. 

Umso ertragreicher diese Parzellen wurden, umso besser der Mensch lernte, die Natur seinen Interessen zu unterstellen, umso mehr Nachkommen begannen, sich um die kultivierten Flächen zu streiten und umso größer wurde der Druck, diese immer weiter auszudehnen. Die landwirtschaftlichen Anbaugebiete, die sich von den frühen Gärten nur durch ihre Größe und die benutzten Werkzeuge unterschieden, breiteten sich nach und nach über die Jahrhunderte und Jahrtausende über den ganzen Planeten aus. Heute stehen wir vor der Tatsache, daß die letzten unberührten Gebiete der Welt mit rasender Geschwindigkeit erobert werden. Die Regenwälder des Amazonas-Gebiets verschwinden pro Monat um die Fläche von Nordrhein-Westfalen und im Norden folgen den schmelzenden Gletschergebieten Grönlands ganz schnell die Bauern und Viehzüchter.        

 

Am Beginn der landwirtschaftlichen Revolution stand also der Gartenbau. Das Anlegen von Nutzgärten. Hier ist die Keimzelle unserer gesamten heutigen Kultur zu finden. Aus ihr entstanden die großen Erfindungen und Kulturleistungen des Menschen. Die neolithische Revolution war die Triebkraft, welche große Siedlungen und gesellschaftliche Strukturen hervorbrachte. Um die Fruchtbarkeit der Erde zu erhalten, entwickelten sich Kulte und Religionen. Der großen Mutter Erde waren auch die ersten Gärten geweiht, die wir als symbolische oder sakrale Gärten kennengelernt haben.

Daher ist es verständlich, daß der Gartenbau oder Ackerbau, bei den Römern mit dem Wort cultura bezeichnet wurde. Cultura, Kultur meint also zunächst die Bebauung und Pflege des Bodens, eine Bedeutung, die sich ja noch heute in unserem Wort „Bodenkultur“ erhalten hat.  Denselben Ursprung aus dem Wort cultura haben die Bezeichnungen Kolonie und Kult. Beides mit folgenreicher Zukunftsbedeutung.

Über den Bereich der Bodenkultur dehnt sich der Begriff Kultur dann aus auf Lebensweise, Wissen, Bildung, Kunst, Religion. Diese Erweiterung des Begriffes Kultur erstreckt sich somit schließlich auf alles, was der Mensch durch sein Denken und Handeln selbst gestaltend hervorgebracht hat. Und damit entsteht logischerweise ein Unterschied zu dem von ihm nicht Geschaffenen und nicht Veränderten, das ist die Natur. Cultura bezeichnet all das, was über die Natur hinausgeht, was von der menschlichen Gemeinschaft gemacht und damit künstlich ist. Die Natur ist dagegen alles Gewordene, was auch ohne den Menschen da wäre und so wäre, wie wir es vorfinden.

Natur und Kultur benennen aber nur idealtypisch die zwei Extreme des „Gemachten und des „Gewordenen“.Idealtypisch deshalb, weil sich diese beiden Pole in der Realität in Reinform nirgendwo finden. Auf der einen Seite, der reinen Natur, haben wir die Wildnis, die vom Menschen noch nicht beeinflusst wurde. Hier gehen die Meinungen weitgehend überein, dass eine solche unberührte Wildnis heute verloren ist. Denn in unserer hoch industrialisierten und globalisierten Welt gibt es einfach nichts mehr, was gänzlich unbeeinflusst von Menschen existiert.  Auf der anderen Seite der Polarität steht das ausschließlich vom Menschen gemachte, das Künstliche. Ebenfalls ideal, weil darin auch immer Naturprodukte eingehen.

Zwischen den beiden Polen Natur und Kultur liegt ein Feld von Zuständen, die in unterschiedlichen Anteilen und Mischungsverhältnissen aus ihnen zusammengesetzt gedacht werden können. Ein kleiner Wald zum Beispiel oder ein landwirtschaftlich genutztes Gelände ist Natur, liegt aber vom Wildnis-Pol aus betrachtet näher am kulturellen Extrem und wenn wir in diese Gebiete von der Stadt aus spazieren, gehen wir in die Natur.

In diesem Feld von Zuständen liegt auch der Garten, als kultivierte Natur. Die verschiedensten Gartentypen lassen sich je nach ihrer Naturnähe oder -Ferne hier einordnen. Ob Nutzgarten, Lustgarten oder symbolischer Garten, all die wundervollen Formen, welche wir in den „Gärten der Menschheit“ kennengelernt haben, entfalten ihren Charakter in diesem Zwischenbereich.

Trotz der menschlichen Eingriffe in die Ordnung der Natur sind diese Gärten alles andere als künstliche Produkte oder reine Artefakte. Ein Garten ist zwar gemacht, aber er ist aus Natur gemacht. Nur im Zusammenspiel von natürlichen Prozessen und künstlichem Eingreifen des Menschen waren seit jeher blühende und fruchtbare Ergebnisse zu erwarten. 

Bis in unsere heutige Zeit ist andererseits die Kultur immer abhängig geblieben, von der Erde, auf der sie gedeiht.

Der Garten hat also Anteil an den beiden Polen Natur und Kultur. In diesem Sinne kann man ihn als Mikrokosmos bezeichnen, denn die gesamte Lebenswelt des Menschen als Makrokosmos wird bestimmt durch das Ineinandergreifen von Natur und Kultur. 

Wie dieser Makrokosmos der Lebenswelt gleicht auch der Mensch selbst einem Garten. Er ist als Natur, als Körper – geworden, in der kulturellen Tätigkeit ist er als schöpferischer Geist in der Lage Neues hervorzubringen. Er ist - das Nichtnatürliche hervorbringende –Naturwesen. Dieses Bild des Gartens für den Menschen findet sich schon in der Antike. Dort ist der Mensch als Naturwesen ein Getriebener seiner Affekte und Impulse, als geistiges Wesen hingegen zu freier Selbstbestimmung fähig. So hat zum Beispiel Cicero von der der cultura animi gesprochen und damit die Philosophie als Gartenpflege der Seele oder Ackerbau des Geistes bezeichnet. 

Berücksichtigt man, dass als Symbol für den Geist schon seit Urzeiten der Himmel stand und für die Natur der Archetyp der Erde, so finden wir bestätigt, dass sich im Garten Himmel und Erde berühren, wie es unsere schöne Seminarübeschrift beschreibt. In ihm reichen sich die beiden Pole Natur und Kultur, Körper und Geist die Hand.

Kultur als die Gartenpflege des Geistes bezieht sich auf ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten von Menschen ordnen. Die eingefriedeten Gärten dienten in früheren Zeiten der Festsetzung dieser Regeln der menschlichen Gesellschaft. Dort wurde auch gerichtet und Recht gesprochen. Dies mussten in mythologischer Zeit schon Adam und Eva erfahren, als sie die Gartenordnung gebrochen hatten. Sie machten in der Vertreibung die Erfahrung der Beschränkung, der Begrenzung, die allen Gärten und überhaupt aller Kultur zugrunde liegt. Sie kamen zum ersten Mal in Kontakt mit einem Außen, einem Anderen. Was aber lag außerhalb des heilvollen paradiesischen Gartens, was lag Unheilvolles „jenseits von Eden“? 

Das Außen und das Innen des Geheges selbst entstehen erst durch den Gartenzaun, die Mauer, die Hecke. Das Wort Garten bezieht sich auf Gerte. Ineinander verflochtene Gerten zogen früher die Grenze zwischen dem bedeutungsvollen Raum Garten und einer formlosen Gegend ohne Struktur und Festigkeit. Als Stätte der Ordnung und des Friedens konnte der Garten seinen Status nur bewahren als begrenzter, umzäunter Ort. Im Bereich außerhalb der Einfriedung, herrschte Gesetzlosigkeit, befanden sich nur Chaos, Zufall und  Unordnung.

Die ersten Garten-Bauern lebten auf künstlichen menschlichen Inseln, die sie unter großen Mühen der wilden Natur abgetrotzt hatten. Sie hatten Wald gerodet, Äcker gepflügt, Beete und Obstbäume ordentlich aufgereiht. Der natürliche Raum, welcher der Kultur als Wildnis und Gesetzlosigkeit gegenüberstand, konnte ihnen daher grundsätzlich nur feindlich, gefährlich und schädlich erscheinen. Um ihren kleinen Weltgarten zu verteidigen, mußten sie Unkraut und Ungeziefer, Wildwuchs und Wildtiere mit allen Mitteln fernhalten. Eindringlinge, welche die Umfriedung überwanden, mussten ohne Gnade vertrieben werden.

Außerhalb der Kultur lag als Natur das Fremde, das Andere oder auch - die Anderen. Um das Eigene zu schützen, lernten die ersten Eigentümer, ihre Umgebung in »Wir« und »die Anderen« einzuteilen – »Wir« war die Gruppe innerhalb des Kultur-Gartens, und »die Anderen« waren all die anderen, „die da draußen“. Diese wurden oft nicht einmal als Menschen anerkannt. Sie wurden als Wilde oder Barbaren mit der Wildnis gleichgesetzt. Und oft diente später der Anspruch, den Wilden überhaupt erst Ordnung, Zivilisation und Kultur zu bringen als Vorwand, deren Kultur zu zerstören und sie durch Kolonisation den eigenen Zwecken und Interessen zu unterwerfen. 

Als die ersten Europäer den Völkern des Fernen Ostens begegneten, bezeichneten sie diese als Wilde.  Auf der anderen Seite der Grenze betrachteten Japaner und Chinesen dagegen die fremden europäischen Ankömmlinge als Barbaren und damit als kulturlos.

Die Definition von Kultur, Wildnis und Natur erweist sich also selbst als kulturabhängig. Sie veränderte sichim Laufe der Geschichte je nach Interesse von gesellschaftlichen Gruppierungen. Ebenso zeigt sich historisch, daß auch die Wertschätzung, die man der Natur und Kultur und auch ihrem Verhältnis zueinander verlieh, niemals festgelegt war. 

Einer Abwertung der Natur als feindlich, korrespondiert bis heute eine Idealisierung des Natürlichen. In dieser Sichtweise des „Zurück zur Natur“ wird die ursprüngliche Wildnis als paradiesisch den grauen Städtewüsten und industrialisierten Landschaften gegenübergestellt. Die darin lebenden Menschen entsprechen als sogenannte „edle Wilde“ einem idealem Menschentyp. Die Natur als positiv besetzter Raumwird dann der Barbarei und dem Elend der Zivilisation und Kultur entgegensetzt. 

Unter diesem Gesichtspunkt der kulturabhängigen Relativität unseres Themenkomplexes Natur-Kultur wird die Wahrheit unserer Erzählung fragwürdig, welche vom heldenhaften Kampf der Kultur-Gärtner berichtet, welche die Widrigkeiten und Angriffe der feindseligen und übermächtigen Natur im Schweiße ihres Angesichts abwehren mußten. Die Opposition von Kultur und Natur verliert ihre Selbstverständlichkeit und erscheint selbst als eine gemachte und damit künstliche.

Tatsächlich erzählen uns Kulturwissenschaftler und Ethnologen ganz andere Geschichten über zahlreiche Völker, die noch heute vom Amazonas bis zur Arktis verbreitet sind. Deren Weltanschauung entspricht in keiner Weise den Kriterien eines Gegensatzes von Natur und Kultur, der in unserem Denken so selbstverständlich erscheint. Pflanzen und Tiere besitzen bei ihnen eine Seele ähnlich der der Menschen, sogar Teile der Landschaft können beseelt sein. Mit diesen Nicht-Menschen stehen die Menschen infolgedessen in einvernehmlichem und gleichberechtigten Kontakt. Es gibt keinerlei Ansätze bei diesen Völkern, die Natur als feindlich zu betrachtenoder gar zu bekämpfen. Mehr noch, die Begriffe Natur und Kultur haben für sie überhaupt keinen Sinn.

 

Dies ist der abendländischen Welt heute schwer vorstellbar, in der die Gegenüberstellung von Kultur und Natur eine lange Tradition besitzt. Im christlichen Einflussbereich herrschte schon immer ein äußerst ambivalentes Verhältnis zur Natur. Mit der biblischen Schöpfungsgeschichte war die Natur bereits säkularisiert worden. Gott hatte die Welt geschaffen, in ihr gab es keine göttlichen Wesen mehr. Geschichtlicher Ausdruck davon in unserem Land war die Fällung der heiligen Eichen der Germanen durch die Missionare. Diese heidnischen Heiligtümer symbolisierten den Weltenbaum als Verbindung von Himmel und Erde. Die Natur ist in der Bibel durch den Herrschaftsauftrag der Schöpfungsgeschichte -füllt die Erde und unterwerft sie aus Moses 1,28- ganz in die Hand des Menschen gegeben. Mit dem Sündenfall und durch das Böse wurde in der Folge die ganze Natur mit Sünde behaftet. „Der Erdboden sei deinetwegen verflucht“. Die Welt wurde eine gefallene Welt. In die gleiche Richtung wirkte das Streben, die Natur in Form des eigenen Körpers und der Sexualität zu beherrschen oder gar zu überwinden. 

Diese Auffassung, verbunden mit der Jenseits -Orientierung, hatte zur Folge, dass sich im christlichen Mittelalter eine beträchtliche Distanz zur Natur entwickelte. Sie war nicht nur feindlich, sondern auch wertlos und häßlich. Berge waren z.B. Schutthaufen oder nutzlose Warzen der Natur.

Damit wurde das Verhältnis von Himmel und Erde asymmetrisch, positiv zugunsten der herrschenden Seite des himmlischen Geistes, negativ zur abgewerteten Natur. 

 

Zur eigentlichen großen Trennung zwischen Natur und Kultur kam es allerdings erst zu Beginn der Neuzeit im 17. Jahrhundert. Diese bestimmt bis heute das abendländische vorherrschende Weltbild und darum ist dieser Einschnitt so wichtig. Es war der Beginn einer radikalen Opposition von Körper und Geist, Objekt und Subjekt, Materie und Bewusstsein, Natur und Kultur.

Der mittelalterliche Geisteskosmos hatte seine universale Geltung verloren. Der Mensch war freies Individuum geworden. Allerdings fand er sich nun auch nicht mehr aufgehoben in einer gottgewollten Ordnung. Er war nun auf sich allein gestellt ohne Einbettung in die Ganzheit eines übergeordneten Sinnsystems. Er hatte sich zwar als autonomes Subjekt gewonnen, als solches stand er aber nun einem Objekt gegenüber: der feindlichen Natur, gegen die er sich zwar behaupten mußte, die aber im Erfolgsfall dem Menschen durchaus auch nützlich sein konnte.

Einen solchen neuen Begriff von Natur zu entwickeln, gelang als erstem René Descartes, der das Natursein im Sinn des modernen Denkens definierte: Natur ist das räumlich Ausgedehnte. Alles in der Natur, einschließlich der Pflanzen und Tiere, wurde reduziert auf seine ausgedehnte Form und auf sein Funktionieren als mechanischer Gegenstand im Bild eines Automaten, der durch Naturgesetze am Laufen gehalten wird. Nur der menschliche Geist als denkende Substanz, als Ratio steht der ausgedehnten Substanz den Körperngegenüber, auf die nun die Natur geschrumpft war.

Dieser Welt der ausgedehnten Teilchen und Moleküle, konnte nun ausgezeichnet die Mathematik als reine abstrakte Wissenschaft angepasst werden. Denn diese erlaubte eine Berechenbarkeit und ideale Konstruktion der Maschinerie Natur mit dem Anspruch auf unwiderlegbare objektive Wahrheit.

Mit der mathematischen Meßbarkeit und umfassenden Quantifizierung der Welt ging aber der Verlust aller anderen, der qualitativen Eigenschaften der Natur einher. Alles Sinnliche und Subjektive wurde aus der neu definierten objektiven Welt eliminiert. Die Lebenswelt mit all ihren Farben, sinnlichen Qualitäten, Gefühlen, Wünschen und Werten war gegenüber dem Anspruch der naturwissenschaftlichen Objektivität mit einem Mal nur Schein, irreal, irrational und höchstens noch Störfaktor. Die Vielfalt der farbigen Blumenpracht, der Gesang der Vögel, der Geruch der Erde eines frühen Morgens im Garten oder ein drohendes, unheimliches Gewitter, all dies wurde für die wissenschaftliche Erkenntnis als subjektives Element unbedeutend und für nichtwahrheitsfähig erklärt, weil nicht meßbar. Die sinnliche Welt trat zurück hinter ein mathematisches Universum aus stummen, farblosen, idealen Figuren und Formen, welches der sinnlichen Natur übergestülpt wurde, und das sich auch noch als das einzige und einzig wahre ausgab. 

Der neue Begriff der physikalischen Natur wurde nun zur Grundlage der Naturwissenschaften und das Natürliche zum Objekt des Machbaren. Wer die Natur erkannt hat, kann sie für sich arbeiten lassen. Wer das innere Gesetz der Dinge entschlüsselt hat, kann sich ihre Kraft durch technische Nutzung verfügbar machen. Es entstand der Traum vom unbegrenzten Fortschritt. Er sollte es möglich machen, die Folgen des Sündenfalles mit technischen Mitteln zu revidieren. Die Illusion entstand, daß die Herrschaft über die Natur dem Menschen die Mittel in die Hand geben könnte, ein neues irdisches Paradies als Utopie einer Kultur der Freiheitherzustellen.

Dieses Programm der Unterwerfung der Natur mit naturwissenschaftlichen Methoden gewann seine eigentlicheDynamik, als es in die Praxis des aufstrebenden kapitalistischen Gesellschaftssystems in Form der Technik eingebettet wurde. Unter diesen Bedingungen erleben wir heute einen Höhepunkt seiner industriellenUmsetzung als globale Technisierung. Diese hat alle Lebensbereiche für die Marktwirtschaft und für das Grundgesetz der Maximierung der Profite weltumspannender Unternehmen und Konzerne erschlossen.Fortschritt, nur noch gesehen als technischer Fortschritt, ist Selbstzweck geworden. Auftretende Probleme werden mit neuer Technologie gelöst. Der Mensch selbst, seine Umwelt, die Natur sind zu Waren geworden, in einem Prozess, in dem sich alle Werte in Währung verwandeln.

In dieser immer rasanter fortschreitenden Entwicklung wurde der Homo sapiens konsequenterweise zur wichtigsten Kraft, die den globalen ökologischen Wandel vorantreibt. Es gab immer schon ökologische Revolutionen und massenhaftes Aussterben von Arten. Sie wurden durch das Wirken großer Naturgewalten wie Klimaveränderungen, Erdbeben oder Einschlägen von Meteoriten verursacht. Der Mensch als erstes und einziges Lebewesen hat es geschafft, das globale Ökosystem radikal und beispiellos zu verändern. Wissenschaftler bezeichnen daher die heutige Phase der Geschichte unseres Planeten als «Anthropozän»: das Zeitalter der Menschheit.

Das Ausmaß der Eingriffsmöglichkeiten in das vom Menschen bisher Nicht -Geschaffene, bisher Unverfügbare, also in die Natur, scheint immer weiter zu steigen und macht auch nicht halt vor dem Menschen selbst. Bereits die Antike hatte, wie berichtet, den Menschen schon als zu pflegenden Garten angesehen. Durch die Kultur der Seele, durch Erziehung und Bildung sollte das Wilde im Menschen, seine Naturseite, seine biologische Natur geformt und verfeinert werden. In der neuzeitlichen Auffassung, die sich auf den eben beschriebenen Dualismus von Kultur und Natur, Geist und Körper gründet, wird nun diese dualistische Position in den Menschen selbst hineingenommen. In ihm selbst steht nun der Geist als Denken und Verstand, dem eigenen Körper als ausgedehnte Substanz unvereinbar gegenüber. Damit war der Weg geebnet, den menschlichen Körper - ebenso wie die restliche Natur- als rein mechanisch funktionierendes System aufzufassen. Die im Menschen selbst verbliebene Noch-Wildnis war damit hergerichtet, ebenfalls urbar gemacht und dem Willen des Geistes unterworfen zu werden. 

Mit den modernen Neurotechnologien wird der Mensch damit in besonderer Weise selbst das Objekt seines Technisierungs- und Gestaltungswillens.

Die heutigen technischen Möglichkeiten versprechen eine Verbesserung der Natur des Menschen. Zur Veränderung und Aufwertung des menschlichen Körpers aber auch der Gehirnleistungen werden zunehmend biochemische Eingriffe und technische "Ersatzteile" eingesetzt. Man arbeitet an der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Man tüftelt an der Entwicklung von chemischen Substanzen, welche die Intelligenz, die Emotionalität des Menschen und sogar neuerdings die moralischen Fähigkeiten, also die Erkenntnis von Gut und Böse, beeinflussen sollen. Wir kennen diese Methode des Neuro-Enhancement und Gehirn-Dopings schon aus der Geschichte vom Sündenfall im Garten Eden. Nur konnten die ersten Menschen damals die neurotropen paradiesischen Äpfel noch nicht selbst herstellen, welche ihnen Erkenntnis und das Wissen um Gut und Böse beschert haben.

Die kulturelle Urbarmachung der biologischen Natur des Menschen gewinnt eine neue Dimension in der Entwicklung der Gentechnik. Nach den ersten Anfängen der Züchtung von Pflanzen und Tieren, durch gezielte Auslese seitens der ersten Ur-Gärtner, entstand mit den modernen technischen Mitteln 1984 die erste -  Schiege – aus embryonalen Zellen von Schaf und Ziege. In der letzten Woche wurde in Japan zum ersten Mal die Geburt eines Mischwesens aus menschlichen und tierischen Zellen erlaubt. Anfang des Jahres war bereits der erste vorsätzliche Eingriff in das menschliche Genom durch einen chinesischen Wissenschaftler erfolgt. Die Zucht des Menschen durch gezielte chromosomale Veränderung rückt in greifbare Nähe. Das letzte Stück Wildnis, des Gewordenen im Garten Mensch, wird in die Verfügbarkeit genommen und soll veredelt werden. Die spezielle Garten-Schere dafür ist zwar noch nicht in jedem Baumarkt erhältlich. Aber die einschlägigen Laboratorien können sie sich bereits billig beschaffen. Es ist die sogenannte Genschere – mit dem eingängigen Namen Crispr-CAS9. Sie wird als Instrument verwendet, um DNA an einer beliebigen Sequenz zu schneiden. Dieser Schnitt erlaubt es, die Chromosomen-Pflanzen des Menschen nach dem Design des Gentechniker-Gärtners maßgerecht in Form zu bringen.

Diese immer mehr gestiegene und tiefer eindringende Verfügungsmacht des Menschen hat das Verhältnis von Kultur und Natur immer mehr zu Ungunsten der Natur verschieben lassen. Im Polaritätsfeld Natur-Kultur sieht es so aus, als ob das vom Menschen Gemachte immer mehr das Gewordene der Natur verdrängt. Der künstliche, gemachte Anteil am Garten der Welt droht immer mehr zuzunehmen. Wenn sich im Garten Himmel und Erde berühren, so scheint sich also immer mehr die beschriebene Asymmetrie zu bestätigen, dass die Dominanz des Geistes weiter voranschreitet, der Himmel als rationales Bewußtsein, als instrumentelle Vernunft und Kultur immer vollständiger die wilde Natur und Erde erobert.

Doch mittlerweile ist der Glaube an den unbeschränkten Fortschritt, das Versprechen des Paradieses auf Erden durch zunehmende technische Ausbeutung der Natur ins Wanken geraten. Das selbstbewusste Auftreten des Verstandes-Subjektes gegenüber dem Objekt Natur findet sich erheblichem Zweifel ausgesetzt. In dieser zunehmenden Unsicherheit kündigt sich etwas an, das man als „Zurückschlagen der Natur“beschreiben kann.

Immer mehr wird deutlich, wie wenig wir die Richtung des technischen Fortschritts selbstbestimmen können; dass selbst die Profiteure des globalen Kapitalismus alles andere als autonome Akteure sind und in Wirklichkeit unkontrollierbaren, unverfügbaren Marktmechanismen unterworfen sind. Schon früh im 20. Jahrhundert hat die Psychoanalyse mit Freud darauf hingewiesen, dass das Subjekt als Ich-Bewusstsein auch im eigenen Hause alles andere als der Herr über die Natur ist und mehr als ihm lieb ist, unbewussten Gesetzen seines Gewordenseins gehorcht. In dieser Diagnose eines „Unbehagens in der Kultur“ ist die menschliche Kultur selbst nur ein Spielball, ein Kampfplatz, auf dem sich die großen polaren Kräfte und Triebe der Natur ihr eigenständiges Duell liefern.

Daß die Natur der feindlichen Kultur gegenüber nicht wehrlos ist, daß ihre rücksichtslose Unterwerfung und Vermarktung als Material nicht folgenlos bleibt, tritt uns immer mehr ins Bewußtsein angesichts der sich zuspitzenden ökologischen Krise. Ihre wesentlichen Ursachen - Schadstoffemissionen, ungehemmter Rohstoff-Verbrauch, Klimawandel, Zerstörung der Umwelt und der Artenvielfalt - haben sich in einem Maß verschärft, dass die irreversible Zerstörung der notwendigen Basis menschlicher Kultur Realität gewinnt. Nachdem sich die menschliche Zivilisation jahrhundertelang bedenkenlos auf Kosten ihrer Umwelt entwickelt hat, beginnen sich die natürlichen Systeme ihrerseits gleichsam rücksichtslos gegen den Menschen einzustellen. 

Auch wenn die Ursachen der Krise ebenfalls künstlich, vom Menschen gemacht sind, kann die weitere drohende Gefahr von Naturkatastrophen im Sinne dieses Zurückschlagens der Natur interpretiert werden. Denn die Natur wird uns Menschen auf jeden Fall überleben.

Daß sich die Erde gegen den Himmel erhebt, kann man allerdings auch aus einer anderen Perspektive beobachten.

Der Anspruch des Menschen sich zum absoluten Herrscher über die Natur aufzuschwingen, war nur dadurch möglich geworden, daß man sie auf ein objektives, lebloses Ablaufen von physikalischen Prozessen reduziert hatte. Auch der natürliche Körper des Menschen war dadurch zum Material geworden. Als letzte Bastion, die für die instrumentelle Vernunft zu erobern ist, bleibt nun die geistige Seite des Menschen selbst. Der Geist als Vernunft will sich seiner selbst bemächtigen, um sich zu optimieren. Dies ist aber nur dadurch möglich, daß sich der Geist selbst zur Natur erklärt und den Naturgesetzen vollständig unterworfen.

Für dieses Endziel steht heute an erster Stelle die sogenannte Naturalisierung des Geistes. Ein ganzes Heer von Hirnforschern, Neurobiologen, Informatikern die ihre eigene Disziplin als „Die moderne Leitwissenschaft“bezeichnen, beschäftigt sich damit, auch für den Geist zu zeigen dass er nichts anderes ist als ein System von neuronalen körperlichen Vorgängen des Gehirns. Seele, Emotionalität und Verstand, Geist und Bewußtsein werden reduziert auf ein Netz von Neuronen, welche in bestimmten Abständen feuern und Muster bilden und nach strengen physikalischen Naturgesetzen funktionieren.

Darüber hinaus werden nach der Auffassung des Großteils der heutigen Wissenschaft alle Organismen, einschließlich des Menschen, zunehmend als biochemische Algorithmen betrachtet, für welche die gleichen mathematischen Gesetze wie für die elektronischen Algorithmen gelten. Subjektive Attribute, persönliche Charakterzüge, Gefühle und Werte können in Bits und Bytes übersetzt werden.

Diese Metaphysik der Information reißt die Grenze zwischen Lebewesen und Maschinen auf neue Weise ein. Ein neuer Begriff der Natur als Universum der Datenströme und als System der Datenverarbeitung ist entstanden. Auf dieser Grundlage kann nun der Naturalisierung des Geistes auch die Naturalisierung von Kultur und Gesellschaft, des klassischen Gegenpols der Natur folgen. Nicht nur individuelle Organismengelten heute als Datenverarbeitungssysteme. Schon werden auch der gesamte gesellschaftliche und kulturelle Bereich, Wirtschaft, Verwaltung, Verkehr und Wissenschaft, alles vom Menschen Geschaffene in informationstechnischen algorithmischen Denkmodellen erfasst, digitalisiert, berechnet und steuerbar gemacht.

Natur und Kultur gemeinsam lassen sich demnach ebenfalls als durch Algorithmen gesteuerten Strom von Daten verstehen. Glaubt man den Informationstheoretikern, so sind die H-Moll Messe von Bach, Hamlet und das Grippevirus nur drei Muster eines Datenstroms, der sich mit den gleichen Grundbegriffen und Instrumenten analysieren lässt.

Die Tendenz, den gesamten Alltag in ein übergeordnetes Netz von Datenströmen und unsere Umwelt in das Internet der Dinge einzubinden, ist überall zu beobachten. Viele Menschen heute schöpfen bereits ihre Identität und ihr Selbstbild aus einer Anhäufung von Daten, die sie über sich selbst erheben und mit Datenbanken synchronisieren. Dem liegt die Auffassung zugrunde, dass alle für die Selbsterkenntnis relevanten Faktoren in Zahlen erfasst und gemessen werden können. Erkenne dich selbst - durch Zahlen und Daten.

Nachdem es heute schon möglich ist, sogenannte Gehirn-Computer-Schnittstellen zu entwickeln, geht der sogenannte Transhumanismus, eine einflussreiche weltweite Bewegung, noch viel weiter mit der Vision, den menschlichen Geist auf einen Computer hochzuladen und auf diese Weise die Person vollständig virtuell einzuspeisen bzw. eine detailgetreue Kopie von ihr zu erstellen. Das Fernziel ist für den Transhumanismus die Unsterblichkeit, die Frucht vom Baum des Lebens. Dies ist dann konsequent, wenn man den Geist und die personale Identität als Konglomerat von Daten und Algorithmen versteht und die menschliche Essenz im Wesentlichen auf die sogenannte Information, eine physikalische Größe, reduziert.

So sehen wir jetzt, nachdem die Naturwissenschaften alle Bereiche der Lebenswelt einschließlich des Geistes naturalisieren wollen, dass sich die Natur ihre verlorenen Gebiete zurückerobert und zurückschlägt und nun ihrerseits die Kultur, den geistigen Anteil des Gartens der Menschheit überwuchert. Der Geist, die res cogitans wird zur Natur, zur res extensa. Die beiden großen Pole scheinen so zusammengeschmolzen und auf diese Weise reduktiv zur Identität gebracht werden zu können. Mit einem Weltbild, welches alles subjektive Leben und alle Sinnlichkeit sowohl aus Natur als auch aus der Kultur verbannt hat, wäre tatsächlich der Dualismus zwischen Körper und Geist, Leib und Seele, Natur und Kultur aufgehoben und die alte Idee der Einheit des Kosmos, Unus mundus, verwirklicht zu sein. Aber um einen schrecklichen Preis. Nämlich der Schrumpfung des Menschen auf einen Homunculus und der Reduktion Natur auf einen leblosen algorithmischen Mechanismus.

 

Man kann diese Entwicklung in der Sprache der Psychologie von C.G. Jung als Wiederaufsteigen des Erdarchetyps bezeichnen. Die Erde, die lange Zeit dem Himmel untertan war, steigt hier wieder auf, aber in verzerrter und furchtbarer Gestalt. Das Beherrschte wendet sich gegen die Beherrscher. Das lange Verdrängte und Unterdrückte kehrt wieder. Da aber die Ausgangsbedingungen sich nicht verändert haben, kann diese Rückkehr nur eine Rückkehr von Untoten, von Zombies sein, einer Natur, einer Erde als lebloses, unheimliches Gerippe und Gespenst.

Diese Vision einer leblosen Erde scheint insofern Wirklichkeit zu werden, als die Menschheit dabei ist, mit ihren eigenen Lebensbedingungen auch die Lebensbedingungen aller anderen Wesen auf der Erde zu vernichten.Viele Wissenschaftler warnen bereits, dass der Punkt, an dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist, bereits erreicht wurde. Aber gegen diese Entwicklung regt sich überall Widerstand und eine Vereinheitlichung im Kampf gegen die Zerstörung der eigenen Ressourcen sollte möglich sein. Allerdings dürften alle Anstrengungen letzten Endes erfolglos bleiben, wenn die ökologischen Bewegungen sich nur an den bald erschöpften Grenzen der Verwertbarkeit der Natur ausrichten. Wohin das führt zeigt das Abkommen von Nagoya von 2010. Auf Druck von Umweltpolitikern sollte es den Schwund der biologischen Vielfalt auf dem Planeten bremsen. Es wurde schließlich ratifiziert,   aber erst nachdem vorher die Aufteilung der Profite geregelt werden konnte, welche die großen Pharma- und Kosmetikkonzerne aus den genetischen Ressourcen der noch erhaltenen Natur der sog. Entwicklungsländer ziehen durften.

Die Frage stellt sich: Ist die Natur nicht mehr für uns Menschen als bloße Ressource unseres Überlebens und Wohlergehens? Interessiert uns Natur nur dann, wenn sie ihre Funktionsleistung als Gebrauchswert nicht mehr zu erfüllen droht? 

Es gilt also, nach anderen Werten der Natur zu suchen als nach rein funktionellen. Die durch die Medien propagierte kommerzielle Naturbegeisterung wird uns hier allerdings keine Hilfestellung geben können. Denn wenn Natur als Kulisse zum Extrembergsteigen oder als Schauplatz für Dschungelcamps dient oder wenn die Bäume ätherische Öle für die neue Wellness-Mode des sog. Waldbadens liefern sollen, folgt dies auch nur einer Logik der Instrumentalisierung. Wie könnte demgegenüber eine intrinsische Werthaftigkeit der Natur begründet werden, ein Wert gefunden werden, der in ihr selbst liegt?

Wir hatten gesehen, daß das krisenhafte Verhältnis zwischen Kultur und Natur in unserer Zeit zusammenhängt mit der großen dualistischen Trennung dieser beiden Pole zu Beginn der Neuzeit. Die Natur war stumm, grau und steril geworden durch das Verschwinden aller Subjektivität und der Ausschaltung der lebendigen Sinnlichkeit. Gerade diese aber bilden den Ursprung und die Grundlage jeglicher Kultur, ob Ethik, Religion, Kunst oder Arbeit, selbst der Wissenschaft, die glaubt, sich von der sinnlichen Welt getrennt zu haben.

Eine Rückbesinnung auf dieses verdrängte Sinnliche und Subjektive bietet sich daher an als Ausgangspunkt dafür, eine nicht nur an Ressourcen orientierte Bedeutung der Natur zu finden. Ein Schritt wäre, das Sinnliche, das Ästhetische und damit gewissermaßen „interesselose“ Verhältnis zur Natur aufzuwerten und in die Diskussion, um das Schutzbedürfnis der natürlichen Umwelt einzubringen. Dabei geht es aber um mehr als den Erhalt eines Freizeitraumes Natur.

Am Montag stand unser kleiner Gartenarbeits-Workshop ganz versunken an der Biegung des kleinen Flüßchens in Vinnenberg hier um die Ecke. Plötzlich sagte jemand: Hört mal, die Natur spricht zu uns.

Ein solches sinnlich-ästhetisches Eintauchen in eine Landschaft, einen Wald, eine Gebirgswelt hat jeder von uns schon erlebt. In einem plötzlichen Augenblick entsteht aus einem Objekt Natur gewissermaßen ein SubjektNatur, das uns anspricht, „sich mit eigener Stimme äußert“. Indem die Natur uns „etwas sagt“, in eine Stimmung versetzt, gewinnt sie aus sich selbst heraus eine Bedeutung für uns als Partner, der vielleicht diese gesuchte intrinsische Werthaftigkeit begründen könnte.

Ist es aber heute überhaupt noch möglich, wie in den vielen Kulturen, von denen uns die Ethnologen erzählen, die Natur wie eine Als-Ob Person, als ein Nicht-Menschliches Subjekt zu befragen und zu verstehen?

Eine ästhetische Naturbeziehung bedeutet keine Rückkehr zum Animismus. Auch für uns heute ist es möglich, die Erfahrung der Natur als der eines lebendigen Anderen zu machen, eines Gegenübers, der gleichwohl mit uns und unserer eigenen Natur als Körperlichkeit verwand ist. Mit uns, die wir auch Gewachsene und Gewordene sind.

Wir erleben die Natur dann ähnlich wie uns selbst als etwas, das nicht künstlich ist; das von selbst da ist, geworden ist, eine lange Geschichte hat – mit zahllosen Ereignissen und Wunden, die wir auch haben. Sie ist nicht nach irgendjemandes Wunsch oder Absicht bis in das letzte vorhersehbare Detail geplant. Dadurch sind die Gestalten der Natur jeweils einmalig, einzigartig, individuell. Wie bei uns Menschen scheint das Natürliche seinen Zweck aus sich selbst heraus zu haben und auch nicht blinden Zufällen, sondern einem verborgenen Sinn zu gehorchen. Die Natur berührt durch ihre Selbsttätigkeit, ihren unverfügbaren, unvorhersehbaren, eigenständigen, unberechenbaren, nicht -mechanischen, nicht-artifiziellen Charakter. Sie ist kein mechanisches Gerippe und kein algorithmisches Datennetz. In einer solchen Weise des unmittelbaren Erlebens ist die Natur lebendig, voller Zauber und erscheint beseelt.

Nur so ist die Natur auch in der Lage Antworten zu geben und nicht nur Echo unserer eigenen Vorstellungenzu sein. Was sich hier verwirklicht, kann man als Resonanzphänomen bezeichnen. Ein solches erscheint, wenn mit der Natur eine Zwiesprache möglich wird, aber diesseits der Worte auf der Ebene der Gefühle.

Die Natur spricht zu uns in der Gefühls-Sprache, der Sprache der Atmosphären. In dieser äußert sie sich gleichsam wie eine Nicht-menschliche Person mit einer eigenen Gefühlswelt. Dann ist die Landschaft traurig, der Garten fröhlich oder das Gebirge im Gewitter schrecklich und zornig. 

Sind dies aber nicht die Projektionen des Betrachters auf die Natur? Projektionen seiner augenblicklichen Stimmungen, seien es fröhliche oder depressive? Dem widerspricht aber, dass eine große Differenz zwischen der Stimmung eines Spaziergängers und der Atmosphäre seiner Umgebung, in der er sich bewegt, bestehen kann. Gerade in einer „frohen“ Landschaft kann der Depressive besonders stark leiden.

In diesem Phänomen einer Gefühlsdissonanz zeigt sich die eigene Sprache der Natur, von der wir innerlich ergriffen werden. Daher können wir auch, ohne es zu wollen, in Atmosphären geraten, von ihnen geradezu überwältigt werden. Die Aura der Natur berührt nicht nur uns selbst, sondern intersubjektiv auch andereMenschen, versetzt alle, die ihr anheimfallen, gleichermaßen in emotionale Schwingungen. 

Was hier mitschwingt, sind die Seiten unseres innersten Wesens. Sie werden zum Klingen gebracht durch in der Natur verborgene symbolische Formen. So konnte das plätschernde Wasser des Baches von uns gespürt werden als Ausdruck der eigenen sprudelnden Lebendigkeit, welche die Lebendigkeit der ganzen Natur ist. Der Klang des Wassers erreicht in einem solchen Fall ohne Umwege über das Denken die affektiven Strukturen unserer tiefsten Lebendigkeit. Diese haben archetypischen Charakter und sind in ihrer Erlebbarkeit uns allen gemeinsam. In diesem Sinne kommt der Naturerfahrung ein überpersönlicher Charakter zu. Nur durch diesen objektiven Geltungsanspruch wird es verständlich, dass Natur als Kunst oder als sakraler Bereich uns gleichermaßen einnimmt und die Grenzen zwischen Natur, Kunst oder religiösem Erleben nicht mehr zu bestimmen sind.  Eine Kultur auf dieser für alle Menschen gültigen Basis würde dann der Natur nicht mehr feindlich gegenüberstehen, sondern im Gegenteil ihreb allgemeinen Wert begründen, der jenseits von Nützlichkeitsüberlegungen liegt.

Und hier kommt die Bedeutung unseres Gartens zur Geltung. Es ist der ästhetische, der symbolische, der künstlerische Blick auf einen Ausschnitt der Welt, der die Resonanzerfahrung der Sym-pathie mit der Natur auszulösen vermag. Durch die Kunst wird dieser Blick entwickelt und gefördert. Gärten sind bewußt alssymbolische Kunstwerke gestaltet worden, um gezielt die Erfahrung der Atmosphären zu bewirken und anderen Menschen erlebbar zu machen. Der ästhetische Garten vervollkommnet gewissermaßen durch die Kultur die Natur. Die künstlerisch-gärtnerische Absicht entnimmt nichts der Natur, sondern fügt ein geistiges Mehr dazu. Im Garten wird die Natur durch die Kunst dazu bewegt, einen gemeinsamen Gleichklang zu schaffen, welcher die Erfahrungen der inneren Lebendigkeit verstärkt und steigert.

Auch die Gartenbegrenzung, die Einfriedung zeigt sich nun in einem anderen Licht. Sie dient nun der Hervorhebung der ästhetischen Sinnstruktur des Gartens, in der Funktion eines Rahmens, ähnlich wie bei einem Bilderrahmen, der ein Kunstwerk kennzeichnet. 

Dieser Rahmen verstärkt und erläutert und fordert uns auf zu einem neuen Blick: Hier ist der ästhetische Raum, in diesem Bereich läßt sich die Aura der Natur erleben. 

Die Gartenmauer ist nun nicht mehr Trennung zu einer umliegenden feindlichen Welt. Sie schafft vielmehr die Verbindung zur angrenzenden Natur, die zu einer geborgten Landschaft wird.

Von der atmosphärischen Erfahrung im Garten aus, kann dann die Welt über die Gartengrenzen hinweg in den Resonanzraum hineinbezogen und ebenfalls dem ästhetischen Blick zugänglich gemacht werden. So wird die ganze Welt zum Garten. In der sinnlichen, lebendigen Natur des großen Gartens Welt verbinden sich dann Natur und Kultur, Himmel und Erde. Vielleicht ein Weg, daß wir zu Gärtnern des ganzen Planeten werden können.

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