Kopfzeile C.G. Jung-Gesellschaft Köln e.V.

Semestereröffnung: C. G. Jung und der östliche Weg

Überall auf der Welt zeigt sich in den letzten Jahrzehnten ein wachsendes Interesse an östlicher Spiritualität und Praktiken. Das äußert sich in den nicht mehr überschaubaren Angeboten an Meditationsformen, Achtsamkeitsübungen, Yoga-Zentren, Qi Gong und Tai Qi. Während die traditionellen, institutionalisierten Formen der Religiosität immer mehr an Bedeutung verlieren, wendet sich eine stetig zunehmende Zahl von Menschen vielfältigen Formen einer erfahrungsorientierten, persönlich geprägten Spiritualität zu. Man spricht mittlerweile vom „Megatrend Spiritualität“, von „spirituellen Marktplatz“ oder Patchworkreligiosität.

Oft sind eher säkulare Beweggründe ausschlaggebend, wie etwa die Absicht, das eigene Wohlbefinden und die psychische und physische Gesundheit zu fördern. Hier ist vor allem das Achtsamkeitstraining zu nennen, welches im Westen zum Modewort geworden ist und in die Psychologie und Bewusstseinsforschung Einzug gehalten hat.

Hinter dem spirituellen Interesse steht jedoch oft der Wunsch, das eigene Selbst und dessen Potenziale in den Diensten der Persönlichkeitsentwicklung tiefer zu erforschen. Das Interesse an den östlichen Wegen kann daher auch die Suche nach Transzendenzbezug, einem übergeordneten Sinn und einer tragfähigen, werteorientierten Lebensausrichtung bedeuten. Oder das Bestreben zu einem grundlegenden Verständnis der Natur der Wirklichkeit und des eigenen Selbst zu gelangen und erweiterte Zustände des Bewusstseins und des Seins dauerhaft zu konsolidieren.

C.G Jung hat sich zeitlebens intensiv mit spirituellen Themen auseinandergesetzt. Spirituelle Erfahrungen waren Gegenstand seiner psychologischen Forschung. Er suchte nach gemeinsamen Charaktereigenschaften der westlichen und der östlichen archetypischen Symbole. Sie waren für ihn von größter Bedeutung, da sie ihm als Hinweis auf das zeitlose und machtvolle Wirken des kollektiven Unbewussten in der menschlichen Psyche dienten unabhängig von kulturellen oder religiösen Voraussetzungen.

Neben dem persönlichen Unbewussten war für ihn das weitaus größere kollektive Unbewusste, das uns allen Menschen gemeinsam ist von Bedeutung sowie das Konzept eines geschichteten, dynamischen Unbewussten und der Archetypen als die Inhalte des Kollektivem Unbewussten. Er fand Parallelen zwischen seinen Konzepten der Analytischen Psychologie und den östlichen spirituellen Wegen in der intensiven Auseinandersetzung mit den indischen Upanischaden, dem Yoga, dem chinesischen Taoismus und dem Buddhismus, hier vor allem im tibetischen tantrischen Buddhismus und - auch - dem japanischen Zen Buddhismus.

C. G. Jung hat sein Konzept des Selbst in Anlehnung an die indische Atman-Vorstellung entwickelt. In der indischen Philosophie gilt die Vorstellung des Atman als unzerstörbare, ewige Essenz des Geistes. Als solches hat es Teil an dem allgemeinen göttlichen Prinzip, dem Brahman. Jung hielt das Atman als eine Entsprechung seiner Auffassung vom Selbst. Als das Selbst verstand er den zentralen Archetyp des kollektiven Unbewussten und das regulierende Zentrum des menschlichen Daseins. Es steht über dem bewussten Ich.

C.G. Jung wendete sein Konzept der Typologie der Psyche auf den Gegensatz von Osten und Westen an, in dem er immer wieder betonte, dass der Westen extrovertiert sei, nach außen gerichtet und der Osten introvertiert sei, auf das innen, auf das psychisch geistige Geschehen im Menschen konzentriert.

Der abendländische christliche Mensch erhofft sich von Gott, also von einer außer ihm stehenden Macht, Erlösung. Das Ideal des östlichen Menschen liegt in dem gegenteiligen Bestreben, sein Blick richtet sich auf das innen, dass der Mensch selbst die einzige Ursache zu seiner höheren Entwicklung sei, das heißt der Osten glaubt an die Selbsterlösung.

Bei der tiefenpsychologischen Auseinandersetzung mit dem Osten fand Jung Unterstützung bei den führenden Kommentatoren des östlichen Gedankenguts seiner Zeit. So lernte er den Sinologen Richard Wilhelm kennen und pflegte in der Folge eine ähnliche Zusammenarbeit mit bekannten Kennern des Ostens wie zum Beispiel dem Zen-Buddhisten Daisetz T. Suzuki.

Als ihm Richard Wilhelm 1928 das Manuskript eines taoistisch-alchemistischen Traktates „Das Geheimnis der goldenen Blüte“ mit der Bitte um einen Kommentar schickte, erwies sich der Text als eine ungeahnte Bestätigung seiner Gedanken über die Gegensatzstruktur der Psyche.

Jung schriebt in seinen Erinnerungen: „Das war das erste Ereignis, dass meine Einsamkeit durchbrach. Dort fühlte ich verwandtes und dort konnte ich anknüpfen.“

Der chinesische Taoismus geht davon aus, dass das gesamte Universum von polaren Kräften, Yin und Yang, durchzogen ist. Im Zusammenspiel, das sich aus diesen komplementären Prinzipien ergibt, drückt sich ein universales absolutes Prinzip aus, welches als Tao bekannt ist.

Ihre dynamische spannungsgeladene Wechselwirkung wird deutlich im chinesischen Taiji-Symbol. Man kann es als Ganzheitssymbol auffassen. Das helle männliche Yang verschlingt sich mit der dunklen weiblichen Yin-Seite. Die Gegensätze werden nicht aufgehoben, sondern sind in der Einheit, dem Tao komplementär verbunden.

In diesem Konzept fand Jung seine eigenen Vorstellungen der Gegensätzlichkeit der Psyche und seiner Auffassung vom männlichen und weiblichen Seelenbild, Animus und Anima in jedem Menschen. Alle psychischen Elemente sind nach Jung bipolar. In jedem seelischen Motiv ist zugleich auch sein Gegensatz enthalten. Die prominenteste Gegensatzstruktur ist diejenige zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten.

In dem von ihm kommentierten taoistischen Text fand C.G. Jung auch Parallelen zu einem Wirkmechanismus in der Psyche, welchen er die transzendente Funktion nannte. In der Psyche des Menschen stehen sich bewusste und unbewusste Tendenzen oft gegenüber. Eine Lösung für den Einzelnen kann sich meistens nur dann ergeben, wenn etwas Drittes auftaucht. Dies ist oft ein Symbol, dass in Träumen und Imaginationen erscheint. Da es bewusste und unbewusste Anteile enthält, kann es die vermittelnde Funktion, eben die transzendente Funktion übernehmen.

Ein ausdrucksvolles Bild der transzendenten Funktion finden wir als Symbol im Lotus, der in seinem Wurzelwerk fest im schlammigen Mutterboden verwachsen ist, dessen langer Stil sich durch das oft unreine Wasser nach oben schiebt und dessen reine und helle Blüte auf dem Wasser schwimmt und die Sonne grüßt. (Diesjähriges Cover!)

Für Jung liegt also eine gemeinsame Basis der analytischen Psychologie und der chinesischen Philosophie in der grundlegenden Weltsicht der harmonischen Verbindung der Gegensätze.

Indem das Tao diese Verbindung leistet, weist es nach Jung auf den Archetyp der Ganzheit der Psyche hin, dem Selbst. Das Selbst als zentrales Konzept seiner Analytischen Psychologie ist gleichzeitig auch das Zentrum unserer Psyche, der Motor, Ausrichter und Ziel des sogenannten Individuationsweges. Die Individuation bedeutet Selbstwerdung als ein zielgerichteter und sinnhafter Prozess der menschlichen Entwicklung.

Der Individuationsweg ist ein psychischer Differenzierungs- und Integrationsprozess, der die Entfaltung der Fähigkeiten, Anlagen und Potenziale durch stufenweise Bewusstwerdung und Realisierung des Selbst bedeutet. Wir werden zu demjenigen Menschen, der unserem Wesen, unserer individuellen Eigenart entspricht. „Sei oder werde der Du bist“.

Jung identifiziert den Individuationsweg mit dem Weg des Tao, „den unentdeckten Weg in uns“ der wie ein Wasserfall sich unerbittlich zu seinem Ziel bewegt.

Das Tao hat in der klassischen chinesischen Philosophie eine Bedeutung, die sich auf mehrere Ebenen erstreckt :Zum einen das „große Tao“ als der Weg des Kosmos, der Fluss des Alls, welcher auch das Leben der Menschen umfasst (Himmels Tao genannt) Das „kleine Tao“ ist der Weg des Einzelnen zu sich selbst (Menschen Tao)

Das chinesische Schriftzeichen für Tao setzt sich zusammen aus einem Anteil der mit Kopf und einem Teil, der mit Laufen übersetzt werden könnte. Auf bildlicher Ebene wird hiermit ein „laufender Mensch “ beschrieben, was Jung mit einem bewussten Durchschreiten des Individuationsweges meinte.

Ebenso wie das Selbst dem rationalen Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist, ist das Tao als Ursprung und Vereinigung der Gegensätze paradox und letztlich undefinierbar. So heißt es in dem zentralen Werk des Taoismus, dem Daode jing, welches Laotse zugeschrieben wird „Das Tao, das sich mit Worten beschreiben lässt, ist nicht das wahre Tao.“

C.G. Jung beschrieb den Umgang mit unlösbaren Problemen auf dem Individuationsweg im Vorwort zur Goldenen Blüte als ein „Überwachsen“ und sah hier auch deutlich eine Parallele zur taoistischen Philosophie, zu der berühmten Tugend und Haltung des wu-wei. Unter wu wei versteht man das Nicht Eingreifen, das Handeln im Nichthandeln.

Das Geschehen lassen, das Tun im Nicht Tun, das „Sich Lassen“ war für Jung der Schlüssel, mit dem es gelingt, die Türe zum Individuationsweg zu öffnen. Er schrieb: „Man muss psychisch geschehen lassen. „Das „sich lassen“ ist nicht umsonst die conditio sine qua non aller Formen höherer seelischer Entwicklung, ob man sie Meditation, Kontemplation, Yoga oder Exercitium spirituale nennt.“

Der Weg des Loslassens, d.h. alles gezwungene Denken und Mühen aufgeben, das Wirken lassen des Selbst fand er in ähnlicher Form in dem taoistischen Gleichnis von der Zauberperle, welches im Wahren Buch des südlichen Blütenlandes, Zhuangzi zugesprochen, zu finden ist. Auch dieses Buch wie auch das Yjing, das Buch der Wandlungen waren von Richard Wilhelm übersetzt worden.

Zum Gleichnis: „Der Herr der gelben Erde wanderte jenseits der Grenzen der Welt. Da kam er auf einen sehr hohen Berg und schaute den Kreislauf der Wiederkehr. Da verlor er seine Zauberperle. Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder. Er sandte Scharfblick aus, sie zu suchen und bekam sie nicht wieder. Er sandte Denken aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder. Da sandte er Selbstvergessenheit aus. Selbstvergessen fand sie. Der Herr der gelben Erde sprach: seltsam fürwahr, dass gerade Selbstvergessen fähig war sie zu finden.“

Jung fand in dem taoistisch- alchemistischen Text „Geheimnis der Goldenen Blüte“ auch zahlreiche archetypische Symbole wieder, welche die Entwicklung eines Menschen auf seinem Individuationsweg begleiten. Der Text beschrieb für ihn die spirituelle Suchbewegung, die einen bestimmten Zustand der Einheit anstrebt. Alte Konzepte sollen abgeworfen werden, die innere Verstrickung mit den Dingen der Welt soll losgelassen werden. Ziel ist die Geburt des wahren Selbst, des kosmischen Selbst, die Geburt eines neuen Menschen, symbolisiert durch die Goldblume-die goldene Blüte. Jung sah in ihr ein Mandala.

Dieses für ihn so wichtige Symbol erwähnte er erstmals in seinem Vorwort zum erwähnten alchemistischen Text. Er fand das Mandala-Symbol, bestehend aus der Form aus Quadrat, Kreis und zentralem Mittelpunkt weltweit in vielen Kulturen.

Jung hatte bis dahin schon über viele Jahre selbst Mandala-Formen gemalt, u.a. in seinem Roten Buch, ohne zunächst etwas von der Bedeutung der Mandalas als Meditationsgegenstand zu wissen, die sie in der östlichen Kultur schon seit Jahrhunderten hatten.

Ihm half das Mandala vor allem in Krisensituationen, in die Fülle seiner Fantasien Ordnung und Orientierung zu bringen. Er hatte den Eindruck, dass seine spontanen Mandalazeichnungen seiner jeweiligen inneren Verfassung entsprachen. Sie waren für ihn symbolische Aussagen über den Zustand seines Selbst, die ihm vom Unbewussten zugestellt wurden, und er hatte den Eindruck, sein Selbst und seine Ganzheit am Werk zu sehen. Die Mandalas waren nach Jung nicht nur Ausdruck des Selbst, sondern hatten auch eine rückwirkende Kraft auf die Psyche.

Jung schrieb in seiner Biografie: "Erst als ich die Mandalas zu malen anfing, sah ich, dass alles, alle Wege, die ich ging und alle Schritte, die ich tat, wieder zu einem Punkte zurückführten, nämlich zur Mitte. Es wurde mir immer deutlicher: das Mandala ist das Zentrum. Es ist der Ausdruck für alle Wege. Es ist der Weg zur Mitte, zu Individuation das Ziel der psychischen Entwicklung ist das Selbst.

Die bedeutendsten Mandalas fand Jung im tibetischen Buddhismus, dem Vajrajana-Buddhismus, auch Tantrayana genannt. Ähnlich wie im Taoismus ist im tibetischen Buddhismus die Polarität von männlichem und weiblichem Prinzip ein Grundkonzept des Vajrajana. Ihre symbolische Vereinigung ist das Ziel aller tantrischen Übungen. Dadurch sollen die Gegensätze transzendiert und die absolute Einheit erfahren werden. Viele Mandalas zeigen in ihrer Ikonographie daher das Prinzip der Vereinigung männlicher und weiblicher Gottheiten.

Titelbild des Vortrages: Man nennt dieses Symbol Yab Yum- das göttliche Paar in der Umarmung als „Zwei in Einem“. Wir haben hier einen anderen symbolischen Ausdruck der Coniunctio wie Jung sie auch in anderem kulturellen Kontext als Sonne und Mond, Königin und König fand. Er deutete sie im psychischen Bereich als Herstellung einer verbindenden Achse zwischen Bewusstsein und Unbewusstem.

Im methodischen Bereich ist das Mandala für Jung ein Instrument der Kontemplation, der Meditation, der Versenkung, der Konzentration und der Realisierung innerer Erfahrung.

Die vor einem Mandala Meditierenden erzeugen im tibetischen Ritual der Visualisierung geistige Bilder unterschiedlicher Komplexität, die friedliche und zornvolle Gottheiten darstellen, mit denen sie sich identifizieren und von denen sie durch den Prozess hindurchgeführt werden. Jede Gottheit entspricht einer vitalen Kraft in den Tiefen des Individuums. Indem sich der Meditierende mit den verschiedenen Meditationsgottheiten vereinigt, nimmt er Kontakt zu diesen positiven oder negativen Kräften auf und macht sie nutzbar. Er verwandelt sie, um höhere Bewusstseinszustände zu erlangen. Aus der Sicht der Analytischen Psychologie entsprechen diese Gottheiten Ausdrucksformen von Archetypen, mit denen er in Kontakt tritt und so eine im Geist des Meditierenden psychische Wirklichkeit erlebt.

Jung sah daher in diesen komplexen Visualisationen des tibetischen Buddhismus enge Parallelen zu der von ihm entwickelten Methode der Aktiven Imagination, die neben der Traumarbeit eine der wesentlichen Methoden der Analytischen Psychologie ist. Mit Hilfe der Aktiven Imagination soll das bewusste Ich sich aktiv und aufmerksam mit dem Auftauchen von spontanen Bildern aus dem Unbewussten konfrontieren und in Dialog treten.

In seinen Studien zum Mandala im tibetischen Buddhismus stieß Jung auch auf das tibetanische Totenbuch, auch Bardo Thödol genannt und schrieb dazu einen psychologischen Kommentar. Er erklärte, dass dieses Werk ihm ein ständiger Begleiter gewesen sei, dem er nicht nur viele Anregungen und Kenntnisse, sondern auch sehr wesentliche Einsichten für seine Psychologie verdanke. Das tibetische Totenbuch handelt von Tod und Sterben und beinhaltet Instruktionen für die Seele des Verstorbenen. 49 Tage lang, während „des jenseitigen Wanderns im sogenannten Bardo“ werden diese für die Toten gelesen. Denn die Toten benötigen die Ratschläge, weil sie auf diesem schwierigen Weg zunächst schönen, friedvollen, später jedoch schrecklichen, sorgenvollen Gottheiten begegnen.

Die Bedeutung des Wortes Bardo leitet sich ab von bar, „dazwischen“ und do „Insel“ oder „Markierung“. Jung erkannte im Bardo einen Grenzzustand, eine Art Unterweltsfahrt. Unterweltsfahrten als problematische, krisenhafte Abschnitte des Individuationsweges können psychologisch oft äußerst fruchtbare Zeiten sein, da sich gerade dann eine Wandlung des alten, zu überholenden Zustandes vollziehen kann. „Keiner Selbstwerdung d.h. Individuation ist dieser gefährliche Durchgang erspart“, so sagte Jung, denn zur Ganzheit des Selbst gehört auch das Gefürchtete, die Unter- oder Überwelt der seelischen Dimensionen.

Für Jung war es daher erwiesen, dass dieses Buch aus den archetypischen Inhalten des Unbewussten geschaffen wurde. Die Welt der Götter und Geister entspringt seiner Aussage nach dem kollektiven Unbewussten in uns. Jung anerkannte in seinem Kommentar, mit dem er dieses Buch der westlichen Welt vorstellte, nachdrücklich dessen hohe psychologische Bedeutung und sein bemerkenswertes Verständnis des Phänomens der Projektion.

Aber nicht nur mit dem tibetischen Buddhismus hat sich Jung ausführlich beschäftigt. Ihn interessierte insgesamt die Lehre des Buddha. Er betrachtete den Buddhismus als ein Ergebnis von intensiver Selbstbeobachtung und Eigenanalyse an. Das Studium buddhistischer Schriften gaben ihm Anleitung zu einer Betrachtung des Leidens einerseits und zu einer allgemeinen Bewertung von dessen Ursachen andererseits. Dies schrieb er in seinem Vorwort, welches er zu „Die Reden des Gotoma Buddhas“ verfasste.

Er fand in den Beschreibungen des Lebens des historischen Buddhas und in den Legenden und Mythen, die sich darum ranken, das Leben Buddhas ein Musterbeispiel eines Individuationsweges. Er drückte dies in seiner Biografie so aus: "Ich verstand das Leben Buddhas als die Wirklichkeit des Selbst, die ein persönliches Leben durchdrungen und für sich in Anspruch genommen hat."

Unter den verschiedenen Richtungen des Buddhismus steht später die Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus anhand der Werke des japanischen Autors Daisetz Teitaro Suzuki. Zu dessen weltweit beachteten Buch „Die große Befreiung“ schrieb er 1939 ein Vorwort. In dem Streben nach einer inneren Wandlung durch das Verschwinden der Ich-Verhaftung sieht Jung eine Entsprechung zum Individuationsweg der Analytischen Psychologie.

Für ihn unterscheidet sich Zen von allen anderen philosophischen und religiösen Richtungen durch seine prinzipielle Voraussetzungslosigkeit. Auch Buddha selbst ist noch ein Bild und Bilder werden im Zen Buddhismus abgelehnt. Jung interpretierte dies so, dass im Bewusstsein des Meditierenden nichts vorhanden sein soll als das unmittelbar Gegenwärtige. Aber hier betonte Jung, dass aus seiner Sicht die ganze unbewusste geistige Dimension trotzdem weiter bestehen und wirksam bleibt. Auch in der tiefsten Versenkung des Zens kann sich der Mensch diesen Voraussetzungen nie ganz entledigen.

Ziel des Zen Buddhismus ist es, die Erleuchtung, im japanischen Satori genannt, zu erreichen. Jung interpretierte Satori als Ganzheitserlebnis, das sich über das Ich- bin- Denken hinaushebt:“ Der Vorgang des Satori ist gedeutet und formuliert als ein Durchbruch eines in der Ich- Form beschränkten Bewusstseins in die Form des nicht- Ich- haften- Selbst.

Das Satori-Erlebnis ist somit eine Ablösung des Ich durch das Selbst, welches im Buddhismus der „Buddha-Natur“, der absoluten Leerheit entspricht. Das Alleinheitserlebnis, von dem im Satori-Geschehen berichtet wird, deutete Jung als Transparentwerden des Unbewussten und ein Erleben der Einheit und Totalität der Archetypen. Diese sind im kollektiven Unbewussten umfassend miteinander verbunden. Auch hier handelt es sich um eine „seelische Wirklichkeit“.

Alles Bewusstseinsgeschehen erfolgt für Jung in Bildern, in Form einer Ein-Bildung in der Instanz des Ich. Sonst könnten kein Bewusstsein und keine Phänomenalität des Vorganges existieren. Hier wird sehr deutlich, dass Jung als Psychologe an einem Ich-Bewusstsein festhielt, während der Zen-Buddhismus die Ich-Auflösung anstrebt.

Jung verschwieg nicht, dass er das Satori-Erlebnis des Zen Buddhisten als westlich denkender Mensch nur aus der eigenen Sichtweise einzuordnen wusste. Zu einem wirklichen Nachempfinden des Satori hielt er damals den europäischen Menschen für nur sehr bedingt fähig.

Im Zen Buddhismus ist neben Zazen, der sitzenden Meditation, ein wesentlicher geistiger Erziehungs- oder Gestaltungsmodus in der Methode des Koan zu sehen. Koan wird als eine paradoxe Frage, Äußerung oder Handlung des Meisters verstanden, welcher der Zen-Schüler zu beantworten bzw. zu interpretieren aufgefordert ist. Ein bekanntes Koan ist „Zeig mir den Klang einer klatschenden Hand“.

Das Streben nach Befreiung von den Bewusstseinsbildern durch die Vorstellung der Leere und die Umgehung der rationalistischen Anschauung durch paradoxe Koans verstand Jung als ein Bemühen des Zen-Buddhisten, dem Unbewussten Raum zu schaffen. Für ihn war also das Unbewusste alles andere als eine Leere und Voraussetzungslosigkeit. Sie war für ihn ein naturgegebener Faktor und wenn sie antwortet, im Satori Erlebnis, so ist es eine Antwort der Natur, der es gelungen ist, ihre Reaktion dem Bewusstsein unmittelbar zuzuführen. Diese andere Wirkung wird nicht mehr empfunden als eigene Tätigkeit, sondern als die Wirkung eines unbewussten Nicht-Ich, welches dem Bewusstsein als Objekt gegenübersteht.

Jung sah den entscheidenden Unterschied zwischen dem abendländischen Christen und dem Zen Buddhisten in Folgendem: Der Christ bekennt nach Paulus: „ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater2,20). Das buddhistische Sutra sagt: du wirst erkennen, dass du Buddha bist.

Der Christ kommt aus der vergänglichen und ich- haften Bewusstseinswelt, der Buddhist erkennt, dass gerade der Vorgang des Denkens die Illusion eines Ichs hervorbringt, es existiert kein denkendes Ich. Er ruht auf dem ewigen Grunde der inneren Natur, deren Einssein mit Buddha, Tao, Alleinheit oder dem universalen Wesen uns nach Jung in den östlichen Philosophien entgegentritt.

Die Parallelen, die Jung in der östlichen Kultur zu seinen eigenen Gedanken entdeckte sowie die reichhaltige archetypische Symbolik, auf die er dort stieß, waren für ihn eine große Bereicherung seiner eigene Theorie der Analytischen Psychologie. Und zwar betraf dies seine Gedanken zur Gegensatzstruktur der Psyche, dem Konzept des Selbst als Ganzheit und dem Individuationsweg, wie ich versucht habe, in dieser Kürze, exemplarisch aufzuzeigen.

Die expansive Ausbreitung asiatischer Kulturen und Religionen seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte Jung zwar nicht mehr, doch die Gefahr einer zu euphorischen und dabei doch auch zum Teil oberflächlichen Aufnahme östlicher Weisheitslehren durch den Westen ahnte er schon im Jahre 1939. Damals beschrieb er mahnend über „seine Bedenken in Bezug auf die Übernahme der östlichen Geisteshaltung durch den Westen“. (GW 11, S.489)

Jung sagte, dass wir im Westen erst lernen müssten, den Prämissen des Unbewussten die gleiche Berücksichtigung zu geben wie dem Bewusstsein, während die östliche Philosophie darin schon eine lange Tradition habe. In den östlichen Philosophien richte sich das Streben nach Erkenntnis nicht auf ein außen, sondern auf das innen und sei eine Sache persönlichen Erlebens.

Jung betonte, dass Yoga, Buddhismus und Taoismus die endgültige Lösung und Befreiung des Bewusstseins von aller Objekt- und Subjekt- Verhaftung anstreben. Im Westen ist Bewusstheit undenkbar ohne ein stabiles Ich. Dies ist auch unbedingt erforderlich für eine Konfrontation mit den Mächten des Unbewussten. Nach Jung ist aber im Westen gerade die Fähigkeit, sich nach innen zu wenden und mit der unbewussten Dimension auseinanderzusetzen, kulturell kaum entwickelt. Im Osten dagegen, wo eine jahrtausendelange Tradition besteht, ist der Suchende eingebettet in diese Kultur der Innerlichkeit und auf seinem Weg traditionell unter Aufsicht von Meistern und Gurus begleitet.

Durch eine übereilte Übernahme östlicher Philosophien und Techniken können nach Jung erfahrbare psychische Inhalte von unzweifelhafter Autonomie unter Umständen gewaltige Eindrücke und Wirkungen hervorrufen. Dies bedeutet Überflutung des Bewussten durch das Unbewusste, es ist die Gefahr der Inflation. Jung sprach auch von dem gefährlichen Phänomen der Mana-Persönlichkeiten, die sich mit archetypischen Inhalten identifiziert haben, dadurch in erheblicher Weise Anhänger faszinieren können, wobei diese den notwendigen professionellen Schutz entbehren. Die autonomen Inhalte des Unbewussten können sich dann in Form von Wahnideen und Halluzinationen festsetzen und damit die Einheit der Persönlichkeit vernichten.

Innerhalb der akademischen Psychologie und Psychiatrie ist diese schon damals von Jung angesprochene Gefahr heute aus vielerlei Gründen höchst aktuell. Neben den potenziell heilenden und wachstumsfördernden Auswirkungen einer spirituellen Orientierung werden in der wissenschaftlichen Fachliteratur auch eine Reihe von Proble¬men und krisenhaften Prozessen beschrieben. Diese werden dort unter den Termini „spirituelle Krisen“, „transpersonale Störungen“, „Krisen der Bewusstseinsentwicklung“, „spirituelle oder religiöse Probleme“ behandelt. Die Häufigkeit solcher Störungen haben in der psychotherapeutischen und psychiatrischen Praxis in einem Maße zugenommen, dass eine eigene Codierung dieser Erkrankung notwendig wurde.

Für C.G. Jung als Arzt und Psychologe war die Psychotherapie innerhalb unserer Kultur die einzige wissenschaftliche Richtung, welche für das Streben nach Individuation, in seinen Worten „dem steilen Pfad der Selbstwerdung“ und für das Ziel der spirituellen Wandlung Verständnis hat. Nur sie stellte für ihn die Methoden und Techniken bereit, auf diesem Weg Anleitung zu geben und die Gefahren zu bewältigen.

Daher auch seine Feststellung: „statt die geistigen Techniken des Ostens auswendig zu lernen und zu imitieren, wäre es viel wichtiger herauszufinden, ob im Unbewussten eine introvertierte Tendenz existiert, die dem führenden geistigen Prinzip des Ostens ähnlich ist. Wir müssen von innen zu den östlichen Werten gelangen, nicht von außen, wir müssen in uns, im Unbewussten suchen.“ (GW11, S. 485)

Jung schrieb auch im Geheimnis der Goldenen Blüte, wie wichtig es ist, sich ausreichend Zeit zu nehmen, „um Sich selbst als ernsthafteste Aufgabe sich vorzusetzen“, da die Entwicklung der Persönlichkeit zu den kostspieligsten Dingen überhaupt gehören. Letzenendes handelt es sich dabei um nichts anderes als das „Ja-sagen zu sich selber".

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